Der Titel dieses Blogs spielt natürlich auf das berühmte Magazin "Cahiers Du Cinema" (Notizen zum Kino) an, dessen Filmkritiker Francois Truffaut und Claude Chabrol später Regisseure und Wegbereiter eines neuen französischen Kinos wurden.
Dennoch ist dies kein arthouse Blog. Es ist ein Blog über die Liebe zum Film. Gute Filme. Und sehr schlechte. Egal woher sie stammen. Egal wie sie zu klassifizieren sind.
Gestern, am 20.06.2024, wurde bekannt, dass die kanadische Schauspielerlegende Donald Sutherland ("Invasion Of The Body Snatchers", "Wenn die Gondeln Trauer tragen", "Die Tribute von Panem") im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Eine seiner eindrucksvollsten Rollen spielte er 1995 in "Citizen X" - von diesem bemerkenswerten TV -Film wollen wir an dieser Stelle berichten.
Donald Sutherland grandios ambivalent als Oberst Fetisow in "Citizen X" - für die Darstellung gewann er den Emmy und den Golden Globe als bester Nebendarsteller
Dieser vielfach preisgekrönte, teils bewegende, hochspannende Fernsehfilm nach Tatsachen (Regie und Buch Chris Gerolmo), zeigt mustergültig die Unterdrückung von Menschen, die unter der Diktatur, hier dem Sowjetkommunismus, leben müssen und die entsetzlichen Folgen ideologischer Verblendung am Extrembeispiel einer legendären Polizei-Ermittlung die Geschichte schrieb.
Ein Mann kämpft allein: Oberst Burakow (furios: Stephen Rhea) jagt ein Phantom.
Es lohnt sich unter aktuellen Gesichtspunkten übrigens zu beachten, dass Wladimir Putin, genau zu der Zeit, in der die Geschichte spielt, im Ausland als KGB-Agent aktiv war. Er dürfte von derselben extrem ideologisierten Geisteshaltung geprägt worden sein, die im Film dargestellt ist.
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Russland, Sowjetunion 1982:
In einem Waldgebiet, Lesopolosa, bei Rostow am Don, tauchen immer wieder auf unvorstellbare Weise verstümmelte Leichen auf. Immer junge Frauen oder kleine Kinder - beiderlei Geschlechts.
Mehrere von Ihnen verschwanden zuvor spurlos. Mehrere wurden in Begleitung eines unheimlichen, großgewachsenen Mannes gesehen.
Immer findet man sie in den Wäldern. Immer in der Nähe von Bahngleisen. Als die Fälle sich schließlich über die ganze Südukraine erstrecken, wird klar, dass es sich um ein Phänomen handeln muss, das es im kommunistischen Sowjetrussland eigentlich gar nicht geben darf, da es dem dekadenten kapitalistischen Westen zugeschrieben wird: Ein Serienmörder geht um….
Die Behörden sind alarmiert, die erste Mordkomission der Sowjetunion überhaupt wird – heimlich - eingerichtet. Da die Aufgabe niemand übernehmen will, wird der Forensiker Viktor Burakow (herausragend Stephen Rea), der keine Polizeierfahrung hat, mit der Leitung der Ermittlungen (zwangs-)betraut.
Burakow ahnt früh, wo der Mörder seine Opfer findet...
Diese Ermittlungen werden insgesamt 15 Jahre dauern, weil die Diktatur es so will, weil die Partei und Burakows wendegesichtiger Vorgesetzter Oberst Fetisow (furios: Donald Sutherland) aus ideologischen Gründen Ermittlungen in die falsche Richtung forcieren: Burakow soll lieber verfemte Homosexuelle jagen.
Den Durchbruch wird erst das erste Täterprofil der russischen Kriminalgeschichte, inoffiziell erstellt von dem Psychiater Bukanowksi (Max von Sydow), bringen, das er, ohne den Namen des Mörders zu kennen, mit „Staatsbürger X.“ überschreiben wird – und das Tauwetter der Perestroika…
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Das brillant recherchierte, feinsinnige Kriminal-Drama basiert auf dem Tatsachenbericht „The Killer Department“ von Robert Cullen , der auch selbst fließend Russisch spricht und alle Beteiligten später interviewte.
Es ist nicht nur eine grandiose Milieubeschreibung der zerfallenden Sowjetunion und ihrer Menschen, sondern auch das unerträglich spannende Protokoll einer Täterjagd.
Mehr als zwölf Jahre lang, immer wieder behindert durch die unfassbaren bürokratischen Hemmnisse des Kommunismus, folgten der frühere Forensiker Viktor Burakow und später auch sein Vorgesetzter Mikhail Fetisow so aufopferungsvoll wie unbeirrt der Spur des Mannes, den die Presse später den „Rostow Ripper“ nannte, bis sie ihn 1990 fassten und ihm einen Namen gaben:
Andrej Chikatilo.
Serienmörder Andrej Chikatilo
Ein ängstlich – neurotischer früherer Schullehrer der bereits 1986 auf einer Bahnstation aufgegriffen worden, und irrtümlich als Täter ausgeschlossen worden war, obschon sich in seiner Aktentasche ein Seil und ein Fleischermesser fanden – aufgrund einer falschen Blutgruppenanalyse, und weil die kommunistische Partei die Freilassung des Parteigenossen erzwang.
56 Menschen starben unter seinen Händen.
Ermordung eines Mörders: Andrej Chikatilo (eindrucksvoll: Jeffrey DeMunn) wird hingerichtet
Der brillante, stark gespielte halbdokumentarische Fernsehfilm des Senders HBO erzählt die schier unfassbare Geschichte der Jagd nach dem „Rostow Ripper“ hypnotisch und ohne jeden effektheischenden Sensationalismus nach.
Der Fokus liegt nicht auf Metzeleien oder Brutalitäten sondern auf der großen Tragik des Falles und der enormen Leistung des Ermittlungsbeamten Leutnant Burakow der den Täter ohne Hilfe und ohne Pause über mehr als eine Dekade (1978 – 1990) jagte und schließlich in die Falle lockte.
FBI-Legende John Douglas sollte später bewundernd sagen, Burakow sei der einzige Mensch auf der Welt von dem er nie verfolgt werden möchte.
In weiteren Rollen brillieren der enorm vielschichtige Donald Sutherland als Oberst Fetisow, der große Max Von Sydow in einer unvergesslichen Nebenrolle als erster russischer Psychiater in einem Serienmordfall, der über seine eigene Courage erschrickt, sowie Jeffrey DeMunn in einer feinfühligen Darstellung Chikatilos, die selbst diesem abartig veranlagten Menschen eine grundlegende menschliche Würde verleiht.
Schauspiel-Titan Max von Sydow als Psychiater Bukanowsky, der das Täterprofil, überschrieben mit "Staatsbürger X" (Citizen X) erstellte.
„Citizen X“ war für 7 Emmys und 2 Golden Globes nominiert , Stephen Rea wurde auf dem Filmfestival von Kairo und beim Katalonischen Filmfestival Stiges als Bester Schauspieler ausgezeichnet, wo „Citizen X“ zudem als Bester Film und für die Beste Regie prämiert wurde.
Jeffrey DeMunn erhielt den CableACE Award als Bester Nebendarsteller .
Donald Sutherland wurde für die Rolle des Oberst Fetisow 1995 mit dem Golden Globe und dem Emmy Award als Bester Nebendarsteller ausgezeichnet.
Chris Gerolmo erhielt für das Drehbuch nicht nur den renommierten Edgar Allan Poe Award sondern auch den Writers Guild Of America Award.
Hier findet sich die deutsche Synchron-Fassung, kurioserweise unter anderem Titel :
„DIE ZEHN GEBOTE (1956)“: DIE GRÖßTE SCHAU DER WELT.
Aufnahmen von der Premiere:
Der Erfinder des amerikanischen biblischen Monumentalfilms Cecil Blount DeMille hatte die Story schon einmal als Stummfilm 1923 verfilmt. Seine eigene Neuverfilmung von 1956 mit Charlton Heston als Moses, die auch sein letzter Film war, ist ein in vielfacher Hinsicht bemerkenswertes Spektakel.
1923 verfilmte DeMille den Moses-Stoff zum ersten Mal, als Stummfilm.
DeMille erlitt während der aufreibenden Dreharbeiten einen Herzinfarkt, meldete sich aber, entgegen dem Rat der Ärzte, schon eine Woche später wieder zur Arbeit und beendete das Epos. Sein ungewöhnlich hohes Engagement merkte man auch in diesem SEHR ungewöhnlichen Originaltrailer von 1956 in dem kein Geringerer als Cecil DeMille höchstpersönlich das kommende Spektakel ankündigt:
Originaldrehbuchseite mit angegebenen Bibelstellen
Der Aufwand war enorm: Mindestens 14 000 Statisten, über 15 000 Tiere, mehr als 300 000 Liter Wasser für die Teilung des roten Meeres kamen zum Einsatz. Die Dreharbeiten, teils an Originalschauplätzen in Ägypten und Sinai, nahmen über 2 Jahre in Anspruch und verschlangen die seinerzeit unvorstellbare Summe von über 13 Millionen Dollar. Die Außensets gehören zu den größten die je gebaut wurden. Der wuchtige Score von Elmer Bernstein ist alleine schon zweieinhalb Stunden lang. Vier Drehbuchautoren, drei Produktionsdesigner und fünf Kostümdesigner:innen arbeiteten an DeMilles Opus Magnum.
DeMille versammelte einen All - Star - Cast (teils in winzigsten Rollen), dazu gehörten Charlton Heston, Yul Brynner, Edward G. Robinson, Anne Baxter, Debra Paget, Yvonne De Carlo, Sir Cedric Hardwick, John Carradine, Vincent Price, Dame Judith Anderson und Baby Fraser Heston als der neugeborene Moses. Richard Farnsworth, Patricia Hitchcock, der noch unbekannte Robert Vaughn und sogar Carl "Alfalfa" Switzer von den kleinen Strolchen hatten kurze Cameo Auftritte als hebräische Sklaven oder böse Ägypter.
DeMille selbst gab die Erzählerstimme. Die Spezialeffekte des Films (Höhepunkte: der brennende Dornbusch, Die sieben Plagen, die Feuersäule, Teilung des roten Meeres, und die zehn Gebote selbst die via göttlichem Laserstrahl aus dem Fels gesprengt werden) übertrafen alles bis dahin dagewesene, die technischen Grundlagen dafür mussten erst, speziell für diesen Film, erfunden werden.
Die Teilung des Roten Meeres, beispielsweise, galt als der schwierigste Spezialeffekt, der bis zu diesem Zeitpunkt durchgeführt wurde.
Die Dreharbeiten für diesen Effekt dauerten etwa sechs Monate und kombinierten Szenen, die am Ufer des Roten Meeres in Ägypten gedreht wurden, mit Szenen, die in den Paramount Studios in Hollywood in einem riesigen Wassertank gefilmt wurden, der durch einen U-förmigen Trog geteilt wurde, in den etwa 360.000 Gallonen Wasser von den Seiten her eingeleitet wurden, sowie mit den Dreharbeiten für einen riesigen Wasserfall, der ebenfalls auf dem Paramount-Gelände gebaut wurde, um den Effekt der Wände des geteilten Meeres aus dem turbulenten Rückstau zu erzeugen.
Alle verschiedenen Elemente der Aufnahme wurden dann im optischen Drucker von Paul Lerpae kombiniert, und Matte Paintings von Jan Domela verdeckten die Matte-Linien zwischen den realen Elementen und den Spezialeffekten- Die Sequenz der Teilung des Roten Meeres wird von vielen bis heute als einer der größten Spezialeffekte aller Zeiten angesehen
"Die zehn Gebote" ist nicht Filmkunst, und Cecil B. DeMille war unter keinen Gesichtspunkten ein Künstler - er war aber ein glänzender Handwerker und brillanter Showmensch, ein cineastischer Schausteller, der in der Lage war ein großartiges Spektakel zu kreieren, wie es früher nur im Zirkus zu sehen war. Er konnte sein Publikum verzaubern, bannen und überwältigen.
Wie das genau gemacht wurde, kann man hier im Making-Of sehen:
Auch "Die zehn Gebote" ist kein tiefgründiges Religionsdrama sondern ein - total altmodisches - bombastisches, prunkvolles Historienepos mit moralisch verbrämtem Fantasyeinschlag.
Aber daran wie DeMille den Zuschauer mit allen dramaturgischen und technischen Mitteln in blendender Farbenpracht zum Staunen bringt, wie ein Kind auf dem Jahrmarkt, wie er einen - trotz aus heutiger Sicht gelegentlicher unfreiwilliger Komik – ,dank unglaublich effektvoller Inszenierung, nebst umwerfenden Massenszenen, fast vier Stunden lang völlig mühelos unterhält, daran kann man seine (naive) Freude haben und das kann man respektieren.
Man beachte wie respektvoll Meisterregisseur Martin Scorsese, als er den Cecil B. DeMille Award Golden Globe für das Lebenswerk) erhält:
DeMilles Film "Die zehn Gebote" spielte - inflationsbereinigt - über 440 Millionen Dollar ein, und ist damit der siebterfolgreichste Film aller Zeiten, nach Vom Winde verweht (1939), Avatar - Aufbruch nach Pandora (2009), Krieg der Sterne (1977), Titanic (1997), The Sound Of Music (1965) und E.T. - Der Außerirdische (1982).
„Die Zehn Gebote“ war 1957 für 7 Oscars nominiert, und gewann für die Besten Spezialeffekte:
Oscar in der Kategorie Beste Spezialeffekte für John P. Fulton
Nominierung in der Kategorie Bester Film für Cecil B. DeMille
Nominierung in der Kategorie Beste Kamera für Loyal Griggs
Nominierung in der Kategorie Bester Schnitt für Anne Bauchens
Nominierung in der Kategorie Bester Ton für Loren L. Ryder (Paramount SSD)
Nominierung in der Kategorie Beste Ausstattung für Hal Pereira, Walter H. Tyler, Albert Nozaki, Sam Comer, Ray Moyer
Nominierung in der Kategorie Bestes Kostümdesign für Edith Head, Ralph Jester, John Jensen, Dorothy Jeakins, Arnold Friberg
Alle späteren Verfilmungen des Stoffes bisher fielen - trotz überlegener Tricktechnik - gegen das Original von 1956 steil ab.
Buchstäblich auf seine Ideale festgenagelt: Yeshua aus Nazareth
Es ist das vermutlich meistverfilmte Sujet der Filmgeschichte und zu Ostern dürfte es wieder auf uns zukommen: Filme über das Leben Jesu. Bereits 1906 inszenierte die erste Regisseurin der Filmgeschichte Alice Guy-Blaché, ihr, damals mit 33 Minuten überlanges, Epos „La vie et la mort du Christ“ – und das war nicht einmal der erste Vertreter seiner Art.
"Das Leben Christi" von Alice Guy-Blaché der ersten Regisseurin der Filmgeschichte, die als Erste den Wandel zum Spielfilm vollzog.
Viele dieser Filme sind geistlos, tumb und von naiver Frömmlerei geprägt oder künstlerisch ohne Bedeutung. Es gibt aber löbliche Ausnahmen. Daher hier meine Top Eleven, sortiert von Platz 1 (Bester) bis Platz 11 (Schwächster); Hier wurden Filme aufgenommen die entweder das Leben Jesu abhandeln oder direkt damit verknüpft sind, z.B. über die Kreuzigung.
Die Filme in dieser Liste, mit Ausnahme der letzten Plätze, sind entweder künstlerisch bedeutende Arbeiten oder wenigstens sehr unterhaltsam, manchmal beides.
Kein Fall für unsere Liste: Claude Heater der (im Film) gesichtslose Jesus aus "Ben Hur" von 1959
Arbeiten die nicht über offizielle Produktionsgesellschaften entstanden, sondern direkt von christlich-fundamentalistischen Gesellschaften oder Konzernen der (pseudo)christlichen Rechten produziert und konzipiert wurden, sind ausdrücklich nicht berücksichtigt.
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DIE LISTE:
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1.) „Die letzte Versuchung Christi (1988)“ – Martin Scorsese.
- The Last Temptation of Christ –
Willem Dafoe in "Die letzte Versuchung Christi": Kühne Schauspielerleistung
Der verfemte Skandalfilm nach dem Roman von Nikos Kazantzakis ist in Wirklichkeit ein tiefreligiöser, theologisch radikaler, herausfordernder Film und ein tollkühn inszeniertes künstlerisches Meisterwerk, abgetrotzt einer Zeit und einer Gesellschaft die ihn nicht haben wollte. Sinnlicher, philosophisch tiefer und aufwühlender ist die Geschichte nie erzählt worden.
Sogar viele Muslime und Atheisten schätzen „Die letzte Versuchung Christi“.
Besetzt mit Willem Dafoe, in einer der mutigsten Schauspielerleistungen der Filmgeschichte, als Jesus, Harvey Keitel als Judas, Barbara Hershey als Maria von Magdala, Harry Dean Stanton als Paulus, David Bowie (!) als Pontius Pilatus. Komplexes Drehbuch von Paul Schrader („Taxi Driver“). Ausnahmesoundtrack von Peter Gabriel, absolut sensationelle Arbeit von Kameramann Michael Ballhaus und Cutterin Thelma Schoonmaker.
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2.) „ Jesus von Nazareth (1977)“ – Franco Zeffirelli - Jesus of Nazareth/Gesu di Nazareth –
Ikonisch: Robert Powell als Christus für Franco Zeffirelli
Die beste konventionelle Jesus-Verfilmung als aufwendiger, kreativer britischer Vierteiler mit internationaler Starbesetzung: Peter Ustinov, James Earl Jones, Olivia Hussey, Anne Bancroft, Sir Laurence Olivier, Anthony Quinn, James Mason, Rod Steiger, Claudia Cardinale, Michael York, Stacy Keach, Donald Pleasance, James Farentino und Ian Holm. Herausragend Robert Powells unglaublich leidenschaftliche, teils elektrisierende Darstellung in der Titelrolle (nominiert für den britischen Filmpreis als bester Hauptdarsteller).
Drehbuch von Anthony Burgess („A Clockwork Orange“), Suso CecchiD’Amico und Zeffirelli nach den vier Evangelien. Beachtlich die hohe historische Akkuratesse in der Rekonstruktion der jüdischen Kultur zur Zeit Jesu. Grandios fotografiert von Oscarpreisträger David Watkin („The Deer Hunter“). Gänsehaut-Soundtrack von Maurice Jarré („Lawrence von Arabien“).
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3.) „Das erste Evangelium nach Matthäus (1964)“ – Pier Paolo Pasolini
- Il Vangelo Secondo Matteo –
Mit Pasolini lieferte ausgerechnet ein kirchenkritischer homosexueller Kommunist eine der besten Jesus-Verfilmungen überhaupt. Kompromisslos neorealistisch, in sinnlichem, rauem Schwarzweiß gedreht, stützt sich der bewusst anrührend schlichte Film wortgetreu auf das Matthäusevangelium.
Jesus, mit beispiellos zorniger Entschlossenheit gespielt von Enrique Irazoqui, wird hier zum mutigen Sozialrebell gegen das Establishment. Komplett besetzt mit Laiendarstellern aus dem Ort Matera. Expressionistische Filmmusik von Luis Bacalov. Bei der Uraufführung im Vatikan gab es für diesen radikal-avantgardistischen Ansatz volle 40 Minuten Applaus.
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4.) „König der Könige (1927)“ – Cecil B. DeMille
- King of Kings –
Cecil B. DeMilles Version der Kreuzigung (1927)
Ikonographischer Hollywood-Kintopp vom Erfinder des Hollywood-Monumentalfilms, Cecil B. DeMille („Die zehn Gebote“ 1956), der der naiven Frömmelei maximale Schauwerte abgewinnt und filmemacherisch bis heute beeindruckt, nicht zuletzt aufgrund des hohen Aufwands, besonders in den Massenszenen. Drehbuch von DeMilles Lieblingsautorin Jeannie McPherson. In den Hauptrollen H.B. Warner als Jesus, Dorothy Cumming als Maria und Joseph Schildkraut (als Judas).
Obschon ein Stummfilm der 20iger, sind Prolog und Auferstehung bereits in Farbe! Philosophin Ayn Rand war hier Statistin. Das riesige Tor nach Jerusalem wurde 1933 in „King Kong“ wiederverwendet. Einige der Zwischentitel sind Aramäisch.
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5.) „König der Könige (1961)“ – Nicholas Ray
- King of Kings –
Jeffrey Hunter, alias Captain Christopher Pike (Star Trek), als Jesus
Klassischer Hollywood-Monumentalfilm und Tonfilm-Remake des DeMille-Films, in Farbe und Breitwand, entstanden im Gefolge von „Ben Hur“ (1959). Mit damals astronomischem 5 Millionen Dollar Budget und enormem Prunk in Spanien gedreht. Teenie-Idol Jeffrey Hunter spielt einen deutlich überirdischen Jesus, Siobhan McKenna Maria, Robert Ryan Johannes den Täufer, Carmen Sevilla Maria von Magdala, Frank Thring Herodes Antipas und Rip Torn Judas Iskariot. Grandiose Kameraarbeit (Kamera: Leon Shamroy) und bemerkenswerter, wuchtiger Soundtrack vom großen Miklos Rozsa („Ben Hur“, „Ivanhoe“).
Erstaunlich intelligentes Drehbuch von Philip Yordan mit vielen künstlerischen Freiheiten. Der Prolog stammt aus der Feder von Ray Bradbury, gesprochen von Orson Welles. Als Stimme des Teufels: Ray Milland („Bei Anruf Mord“). Extrem kurzweiliger, prachtvoller Schau- und Erbauungs-Schinken.
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6.) „Barabbas“ (1961) – Richard Fleischer
- Barabbas –
Die Kreuzigung - zum ersten und einzigen Mal während einer echten Sonnenfinsternis gedreht,
Opulente italienische Verfilmung des Romans von Literaturnobelpreisträger Pär Lagerkvist, mit Anthony Quinn in der Rolle des Mannes, der statt Jesus die Freiheit erhält und ein Leben lang vom Schatten des Kreuzes verfolgt, vom Verbrecher zum Sklaven, dann Gladiator wird, bis er, als alter Mann, beim Brand von Rom zum Christen wird. Von Dino de Laurentiis als intelligenter Monumentalfilm in Farbe und Cinemascope produziert und stilsicher inszeniert von Hollywood-Routinier Richard Fleischer („20 000 Meilen unter dem Meer“ 1954, „Der Frauenmörder von Boston“ 1968).
In weiteren Rollen Silvana Mangano, Arthur Kennedy, Vittorio Gassman, Jack Palance und Ernest Borgnine. Gänsehaut-Soundtrack von Mario Nascimbene. Die Kreuzigung wurde während einer echten Sonnenfinsternis gedreht. Zehntausende Statisten waren im Einsatz.
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7.) „Son Of Man“ (1969) aus der BBC-Reihe „The Wednesday Play“ – Gareth Davies
- - Son Of Man -
Als wütender Jesus der Arbeiterklasse: Colin Blakely
Colin Blakely spielt einen Arbeiterklasse-Jesus in einem fürs TV entstandenen grimmigen, schwarzweißen Sinnsuche-Drama nach einem Text des Dramatikers Dennis Potter.
Dennis Potters kontroverse Lesart des Lebens Christi, in der Jesus als herzlicher, feuriger, wohlmeinender Zimmermann dargestellt wird, der der Meinung ist, dass die Menschen versuchen sollten, ihre Feinde zu lieben, anstatt ständig zu kämpfen, der aber von Selbstzweifeln geplagt wird, ob er der von der Bevölkerung erwartete Messias ist oder nicht, ist auf Deutsch nie erschienen.
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8.) „Das Gewand (1953)“ – Henry Koster
- The Robe –
Victor Mature, kurz bevor "Das Gewand" Jesu verteilt wird.
Klassischer Hollywood-Monumentalfilm, nach dem Bestseller von Lloyd C. Douglas, mit einem gewissen Tiefgang, und der erste abendfüllende Spielfilm im Cinemascope-Breitwandformat. Ein blutjunger Richard Burton spielt den Hauptmann der die Kreuzigung Jesu leitet, und beim Würfelspiel das Gewand des Messias gewinnt, das er an den Sklaven Demetrius weitergibt. Alptraumhafte Visionen der Kreuzigung treiben ihn später von Rom nach Judäa zurück, um das Gewand, und damit Erlösung, zu finden…..
Oscarnominierter chorischer Soundtrack von Alfred Newman. In weiteren Hauptrollen Jean Simmons, Victor Mature, Michael Rennie und Dean Jagger. Aufwendig und trotz eines gewissen Kitschfaktors sehenswert, wenngleich etwas statisch, da man mit dem Breitwandformat noch nicht vertraut war.
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9.) „Die Passion Christi (2004)“ – Mel Gibson
- The Passion oft he Christ –
Blut und Gekröse: Jim Caviezel als Mel Gibsons fundamentalistischer Jesus
Eine so eindrucksvolle wie manipulative filmische Schlachtplatte, die weniger auf den Evangelien als auf den 14 Kreuzwegsstationen und v.a. der Schrift „Das bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christi“ der seliggesprochenen Mystikerin Anna Katharina Emmerick aus Dülmen basiert. In dieser an Splatter- und Gore-Effekten reichen, teils sadistisch angehauchten Passionsgeschichte mit Jim Caviezel als Jesus wird dieser zum bloßen König der Schmerzen. Die Finanzierung des Films war in wesentlichen Teilen nur durch US-Evangelikale und Fundamentalisten möglich.
Aramäisch, Hebräisch und Latein mit Untertiteln. Einzelne, tief bewegende Momente täuschen nicht darüber hinweg, dass dieser hocheffektive, technisch brillante Film nur Mache mit zwiespältigem Beigeschmack ist.
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10.) „Die größte Geschichte aller Zeiten (1965)“ – George Stevens sr.
- The Greatest Story Ever Told –
Großer Schauspieler in Breitwand verschenkt: Max von Sydow als Jesus.
Der zweite grosse Hollywood-Bibelfilm über das Leben Jesu, mit völlig anderem Ansatz als „König der Könige“, basierend auf Fulton Ourslers gleichnamigem Buch. Obgleich der große Max von Sydow sich in der Hauptrolle trefflich müht, hat er gegen die exzessive Zurückhaltung und frömmlerische Feierlichkeit der Regie keine Chance. Obschon visuell, zumal auf der Großleinwand absolut sensationell und trotz einer beeindruckenden von Händel und Verdi durchzogenen Filmmusik (Alfred Newman), erschlägt die statische, behäbige Inszenierung in ihrer pietistischen Antiseptik die Handlung.
Enorm schleppend, in Ausschnitten aber sehr eindrucksvoll. Starbesetzung umfasst u.a. José Ferrer, Charlton Heston, Roddy McDowall, John Wayne, Shelley Winters, Claude Rains, Telly Savalas, Dorothy McGuire und mit Sidney Poitier, als Simon von Cyrene, den ersten Schwarzen in einem Jesus-Film. Gedreht am Grand Canyon und im Monument Valley.
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11.) „Der Messias (1975)“ – Roberto Rossellini
- Il Messia –
Pier Maria Rossi als Jesus in Rossellinis langweiligem Nachklapp.
Roberto Rossellinis letzter, in Tunesien gedrehter, Film behandelt die Evangelien sehr werkgetreu und unaufgeregt, folgt dabei einem ähnlichen Ansatz wie „Die größte Geschichte aller Zeiten“, jedoch ohne dessen Schauwerte. Lange Einstellungen sollen meditative Kraft erzeugen und geben den Schauspielern Raum für Natürlichkeit und Improvisation.
Pier Maria Rossi kann sich mit den besseren Darstellern dieser Figur nicht messen, neben Dafoe, Powell oder Irazoqui verblasst er. Zudem verweigert der Film jede Darstellung von Gewalt, weshalb z.B. der Vollzug der Kreuzigung ausgespart wird. Ein ernsthafter, seriöser Versuch mit formal strengem Konzept, aber für ein nicht-asketisches Publikum- trotz interessantem Soundtrack von Mario Nascimbene- zu reizlos.
Es ist der letzte Diensttag des kaltherzigen Schweizer Kriminalkommissars Matthäi, der kurz davorsteht einen neuen Posten in Jordanien anzutreten, als er in den Fall um die ermordete achtjährige Gritli Moser gezogen wird: Instinktiv überzeugt, dass der verdächtigte Hausierer Jacquier (Michél Simon) das Kind nur gefunden, aber nicht getötet hat, nimmt er dennoch zunächst die Kinderzeichnung des Opfers nicht ernst, die das kleine Mädchen mit einem Riesen im Wald zeigt.
Verzweifelt: Hausierer Jacquier (erschütternd: Michel Simon)
Nach dem Selbstmord Jacquiers, den man zum Geständnis trieb, schließt die Kriminalpolizei den Fall Moser ab. Als Matthäi jedoch im Flugzeug plötzlich, in maßlosem Entsetzen, ein bislang mysteriöses Detail aus Gritlis Zeichnung wiedererkennt, keimt in ihm schlagartig ein Verdacht: Was, wenn das Bild eine reale Begegnung mit dem diabolischen Sexualmörder zeigt, einem Mann ganz in schwarz, der das Mädchen später in den Wald gelockt und ermordet hat? Dann müsste Gritli ihrem Mörder mindestens einmal vor der Tat begegnet sein.
Auf Täterjagd: Kommissar Matthäi (Rühmann) und Polizeipsychologe Manz (Ewald Balser)
Da seine ehemaligen Vorgesetzten den Fall nicht wieder aufnehmen wollen, folgt Matthäi, der der Mutter des Opfers „bei seiner Seligkeit“ versprochen hatte den Mörder ihrer Tochter zu finden, auf eigene Faust der Spur des unheimlichen Kindermörders (Gert Fröbe, in der Rolle die ihm später den Part des „Goldfinger“ einbrachte) der in mehreren Kantonen sein Unwesen treibt, und stellt ihm schließlich eine lebensgefährliche Falle - mit einem lebendigen Köder......
Poetische Gerechtigkeit: Überführt die kleine Gritli mit ihrer Zeichnung posthum den eigenen Mörder?
„Im Jahre 1957 bekam Dürrenmatt von dem Filmproduzenten Lazar Wechsler von der Praesens Film AG in Zürich den Auftrag, ein Filmdrehbuch zu schreiben. Dürrenmatt nahm diesen Auftrag an und schrieb zuerst das Exposé für den Film, dann eine Novelle und schließlich das Drehbuch, aus dem später einer der erfolgreichsten Schweizer Filme überhaupt entstehen sollte. „Das Anliegen der Produzenten des Films war es, die Öffentlichkeit für die zunehmenden Gewalttaten gegen Kinder in dieser Zeit zu sensibilisieren, Eltern zu warnen, ihre Kinder nicht allein durch einsame Straßen und dunkle Orte zu schicken. Dürrenmatt erklärte sich bereit, das Drehbuch für den Film zu schreiben. Heraus kam ein Streifen, der sicherlich als guter Kriminalfilm mit hervorragenden Schauspielern ‚durchgeht’ und auch heute noch sehenswert ist.“[1] Warum sich Friedrich Dürrenmatt entschied, an dem Drehbuch des Films mitzuarbeiten, erklärt er in der Weltwoche vom 18. Januar 1957: „Die Idee, mit jedem Film die Menschheit beglücken zu wollen, lasse man fahren. Wird dies gewagt, liegen die Stoffe auf der Strasse. Die guten Stoffe, denn nur die liegen dort.“[2] Nicht ohne Aufmerksamkeit bleibt auch ein Bericht, den die Zeitschrift Die Tat am 20. Januar 1958 präsentiert: „Im Zusammenhang mit der Aufklärung des Mordes an der 14-jährigen Doris Heidt ist daran zu erinnern, dass im Jahr 1956 ein 16-jähriges Mädchen unter ähnlichen Umständen ums Leben gekommen ist. Der Fall blieb unaufgeklärt.“[3] Im Roman heißt es: „Wir haben mehr als zweihundert Fälle im Kanton im Jahr“[4] und im Film hört man dasselbe.
Das Drehbuch entsteht während einer zweimonatigen Zusammenarbeit von Ladislao Vajda und Friedrich Dürrenmatt. „Dann gewann der Produzent Heinz Rühmann als Hauptdarsteller und der setzte durch, dass Hans Jacoby das Drehbuch nach seinen Wünschen umschrieb.“
Das Ergebnis war ein intensives, atmosphärisch düsteres Meisterwerk des deutschsprachigen Kinos der 50iger Jahre, das auch nach über 60 Jahren noch Gänsehaut garantiert.
Geradezu genialisch schlüsselt der Film auf, wie Kommissar Matthäi, wider jede Erwartung, durch eine Kette von Zufällen und kriminalistischer Kombinationsgabe dem geheimnisvollen Mörder auf die Spur kommt. Fröbe und Simon (er spielte auf Deutsch, was er kaum sprach) spielen absolut überragend, Rühmann gibt als eiskalter Ermittler, der sich in seinem eigenen Versprechen fängt und letztlich eine Katharsis erlebt, die beste Leistung seiner Karriere.
Matthäi setzt das Leben der kleinen Annemarie (Anita von Ow) aufs Spiel
Die extrem straffe Inszenierung von Ladislao Vajda fasste diesen mitreißenden Thriller stringent in die visuelle Stilistik des Film Noir. Der Schwarzweiß-Film arbeitet, in der impressiven Kameraführung von Heinrich Gärtner (dessen Karriere bereits 1914 begann und später unter anderem „Das Geheimnis des Marcellino“ und „Der Hund der Herr Bozzi hieß“ umfasste) stark und stilisiert mit Licht und Schatten, er sucht die Düsternis und kehrt das Unheilschwangere aus den Schweizer Naturlandschaften hervor, die das grauenvolle Geschehen drohend überschatten.
Unerhört im deutschen Film der 50iger: Film Noir Stilistik vom Feinsten
Diese Wirkung wird, verstärkt durch den brillanten dramaturgischen Aufbau, zum hypnotischen Sog, nicht zuletzt, dank der wuchtigen, treibenden Filmmusik von Bruno Canfora:
Dramaturgisch zerfällt „Es geschah am hellichten Tag“ in drei Teile, die einer perfekten Spannungssteigerung dienen. Dem ersten Teil um die Entdeckung der Leiche des Gritli Moser und die Beschuldigung des Hausierers, dem zweiten in dem Matthäi auf eigene Faust detektivisch beginnt, nach dem „schwarzen Mann“ zu ermitteln, um dem dritten Teil, in dem, teils parallel montiert, der Hintergrund des Kindermörders der Falle gegenübergestellt wird, in die er gehen soll. Erst nach etwa einer Stunde tritt Fröbes Figur erstmals auf und auch dann zunächst nur als stimmgewaltiger Schatten an der Wand, der kein Gesicht hat. Dadurch, dass bis dahin so lange nur unheilschwanger über den geheimnisvollen Mann, den es vielleicht, vielleicht auch nicht, gibt, gesprochen wird, wird diese Figur enorm, fast mythisch überhöht; Fröbes Darstellung ist allerdings, trotz weniger Szenen, so gewaltig, dass sie diesem Vorbau gerecht wird und ihn krönt.
Unvergessliches Porträt einer tragischen Bestie: Gert Fröbe
In weiteren Rollen sind Heinrich Gretler, Ewald Balser, Siegfried Lowitz, Sigfrit Steiner und Götz Georges Mutter Berta Drews, unvergesslich als monströse Frau Schrott, zu sehen.
Die bemerkenswert unbefangenen Kinderdarsteller Anita von Ow und Barbara Haller wurden damals über die wahre Natur der Handlung im Unklaren gelassen – ihnen erzählte man, der Film handele von einem bösen Zauberer.
Was in poetischer Dimension betrachtet nicht einmal gelogen war.
Herr Schrott geht wieder "Bummern"....
In der wichtigen Rolle der Frau Heller, Mutter der kleinen Annemarie, war ursprünglich die Schweizerin Anneliese Betschart vorgesehen, als Wolfgang Staudte noch Regie führen und Martin Held den Kommissar Matthäi spielen sollte.
Mit Einstieg von Ladislao Vajda als Regisseur, kickte man Betschart aus der Rolle und verpflichtete sie stattdessen für den Kurzauftritt als Schullehrerin und als deutsche Synchronstimme der Heller, die dann von Rosa Maria Salgado gespielt wurde – der damaligen Lebensgefährtin des spanischen Co-Produzenten.
US-Plakat des Klassikers
Unter dem Titel „It happened in broad Daylight“ entstand 1960 eine englische Synchronfassung für die USA, in der die Rolle des Psychiaters extra mit Roger Livesey nachgedreht wurde. Diese Fassung wurde von den amerikanischen Rezensenten regelrecht abgeschlachtet und starb in Übersee einen raschen Tod an den Kinokassen.
In Spanien hingegen, wo der Film den damaligen spanischen Filmpreis, Premio Sant Jordi, in den Kategorien Bester Film des Jahres, Beste Regie, Bestes Drehbuch und Beste Kamera gewann, wurde der Ausnahmekrimi unter dem Titel „El Cebo“ (Der Köder) fast so legendär wie in den deutschsprachigen Ländern – und zu einem Lieblingsfilm des jungen Pedro Almodovár.
Spanisches Originalplakat eines Ausnahme-Thrillers
Bahnbrechend war „Es geschah am helllichten Tag“ , der im Juli 1959, also vor 64 Jahren, Premiere in der Schweiz feierte, für seine Zeit nicht nur thematisch und stilistisch, sondern weil er in der Abhandlung dieses Themas weit über seine Zeit hinausweist – ein moralisch mehr als abgründiger Ermittler, ein psychologisch exakt gezeichneter Serienmörder, ein Tätertypus für den es 1958 noch gar keine Bezeichnung gab, ein `Profiler´ bei der Arbeit, die es damals ebenso offiziell noch gar nicht gab (auch wenn psychologisch mittlerweile Vieles aus dem Film überholt ist und sich durchaus sexistische Klischees finden).
Das erste Täterprofil der Filmgeschichte
Italienisches Plakat. Dort hieß der Film "Das Monster von Mägendorf"
Es handelt sich um die wohl erste Mördersuche anhand eines Täterprofils in der Geschichte des Kriminalfilms. Hier wird visionär eine Grundlage gelegt, die spätere Werke, mal wissend, mal unwissend, wieder aufgriffen.
Vor allem aber ist „Es geschah am hellichten Tag“ ein Film, der, damals radikal, mit dem klassischen Gut-und-Böse-Schema bricht und letztlich von einer heilen Welt erzählt, die ihre Unschuld verliert.
Henzi (Siegfried Lowitz) und Matthäi (Rühmann) verhindern einen Lynchmord der Bauern
Schokoladenbildchen aus unbekannter Hand. Der des Serienmörders?
Kein Wunder: Es handelte sich bei der deutsch-schweizerisch-spanischen Produktion um die Verfilmung eines Originaldrehbuchs von Friedrich Dürrenmatt, das, wie erwähnt, vor der damals erst neu erkannten Gefahr von Sittlichkeitsverbrechen an Kindern warnen sollte. Für Deutschland co-produzierte ungenannt Legende Artur Brauner.
Dürrenmatt, der Hans Jacoby als Co-Autor zur Seite gestellt bekam, lieferte ein Skript auf Simenon-Niveau, mit kargen, rasiermesserscharf geschliffenen Dialogen – aber er hasste den Filmtitel (er wollte entweder „Schrott geht bummern“ oder „Gott schlief am Vormittag“), sowie den Schluss und überhaupt das Filmmedium und distanzierte sich später.
Auf der Grundlage seiner eigenen Vorstellungen zum Stoff schrieb er später den Roman „Das Versprechen“ ,der dieselbe Geschichte deutlich geändert erzählt, mit dem Untertitel „Requiem auf den Kriminalroman“, eine Gattung die Dürrenmatt als Literat gleichfalls verachtete.
Dieser Roman wurde 1979 als „La Promessa“ in Italien, 1990 als „Szürkület“von György Feher in Ungarn, 1996 als „Tod im kalten Morgenlicht“ mit Richard L. Grant für die Niederlande und 2001 in den USA als „Das Versprechen“ von Sean Penn, mit Jack Nicholson in der Rühmann-Rolle neu verfilmt.
Als „Es geschah am helllichten Tag“ inszenierte Nico Hofmann nach einem Drehbuch von Bernd Eichinger 1997 ein erstaunlich gutes TV-Remake des Kinofilms mit Joachim Krol und Axel Milberg fürs deutsche Fernsehen.
Hier findet sich ein Hintergrundbericht über die Dreharbeiten zum Original, geschildert im Rückblick teils durch Zeitzeugen:
Ein ganz besonders reichhaltiges und toll bebildertes Porträt des Filmes findet sich hier (Wer den Film noch n i c h t kennen sollte, sollte unbedingt über die Inhaltsangabe hinweg scrollen), auf der Seite finden sich neben den vollständigsten Angaben zum Produktionsstab die verfügbar sind, nie gesehenen Backstage und Promo-Fotos, Plakaten in mehreren Sprachen und den detaillierten Erinnerungen des damaligen Produktionsassistenten, auch als Download die Scans von Produktionsnotizen und des kompletten (!) Drehbuchs von 1958, gehalten in einem nicht mehr gebräuchlichen Drehbuchformat:
Meisterhafter psychologischer Thriller, mit literarischem Anspruch, um die Jagd nach dem sprichwörtlichen schwarzen Mann, der dank superber Darstellerleistungen auch heute noch fesselt.