Der Titel dieses Blogs spielt natürlich auf das berühmte Magazin "Cahiers Du Cinema" (Notizen zum Kino) an, dessen Filmkritiker Francois Truffaut und Claude Chabrol später Regisseure und Wegbereiter eines neuen französischen Kinos wurden.
Dennoch ist dies kein arthouse Blog. Es ist ein Blog über die Liebe zum Film. Gute Filme. Und sehr schlechte. Egal woher sie stammen. Egal wie sie zu klassifizieren sind.

Dienstag, 13. August 2024

125 JAHRE ALFRED HITCHCOCK - "BEI ANRUF MORD" (1954)









Heute vor vor 125 Jahren wurde bedeutendste Autorenfilmer des amerikanischen Kinos und bedeutendste Thriller-Regisseur der Welt, Sir Alfred Hitchcock, in London, Islington geboren.

Er hatte das "perfekte Auge", Stil, Geschmack, Eleganz, Sinn für das Makabere, jede Menge abgründigen Humor, war ein visuelles Genie, und spielte auf der psychologischen Klaviatur des Publikums wie ein Virtuose auf einem Instrument.

Er prägte die Kinogeschichte zwischen 1920 und 1976 insgesamt 56 Jahre lang.

Praktisch jeder künstlerische Durchbruch im Thriller-Genre war die Leistung dieses einen Mannes, den Francois Truffaut und mit ihm die novelle vague, vergötterte.

Er schuf die Regeln der Gattung.

Hitchcock war ein liebender, schüchterner Ehemann und leidenschaftlicher Vater, er war ein intellektuell gehobener, barocker Genussmensch, fresssüchtig und neurotisch, liebte sadistische Späße, und sein übergriffiges Verhalten gegenüber Hauptdarstellerinnen, allzumal blonden, und besonders Tippi Hedren, macht ihn zu einem erstklassigen Fall für #metoo.

Filme machte er wie ein Genießer, ein Connaisseur.

34 davon gelten heute - zurecht - als Meisterwerke, stilprägend für das gesamte 20. Jahrhundert des Kinos.

Dies sind sie:

Hitchcocks Meistwerke, die das Kino des 20. Jahrhunderts prägten


"Hitch hat mit seinen Kamerawinkeln einen Riesenspaß, er lenkt unsere Augen hier und da hin und vollführt kribbelnde Tricks mit Schatten und elaborierten Longshots im schnellen Kontrast zu unscharfen Nahaufnahmen. Es ist die Arbeit eines Meisters, der sein Drehbuch genießt."

RICHARD L. COE, Washington Post


„Dial M for Murder mag ein wenig von Hitchcocks Routine abweichen, aber nach jedem anderen Standard ist es ein raffinierter, schockierend bösartiger Thriller - und einer, der eine unvergessliche Darstellung von Grace Kelly bietet.“

ROTTEN TOMATOES

„Dial M For Murder ist weniger ein verfilmtes Stück, als eine hochgradig kinogerechte Untersuchung seiner Theatralität“

THE VILLAGE VOICE

Das Bühnenstück mit dem Alles begann.




Der Ex-Tennisspieler, Cambridge- Absolvent und Major der Britisch Army, Frederick Knott schrieb zu Lebzeiten nur drei Bühnenstücke aber alle drei wurden zu Langzeit-Hits die bis heute gespielt werden, alle drei waren Thriller, zwei davon „Bei Anruf Mord“ und „Warte bis es dunkel ist“ schrieben Theatergeschichte und gehören zu den Höhepunkten des Genres.

Knotts Erstling „Bei Anruf Mord“ ( "Dial M For Murder"), ein Thriller in drei Akten, wirkte damals bahnbrechend. Es griff den Faden von Patrick Hamiltons früherem Bühnenthriller „Cocktail für eine Leiche“ auf und entwickelte ihn radikal weiter. Auch hier erfährt der Zuschauer schon Mitte des ersten Aktes wer der Mörder ist. Mehr noch: Knott breitet den komplexen Mordplan offen vor den Augen des Zuschauers aus, ein absolutes Novum, so dass er mitfiebert und sich mit dem mörderischen Ehemann identifiziert, als der Plan schiefläuft.

Knott selbst sagte "ein Teil seiner Anziehungskraft beruht darauf, dass das Stück dem Publikum die Erfahrung vermittelt, wie es ist, ein Mörder zu sein, weil sich das Publikum von der ersten großen Wendung der Handlung an vollständig mit dem Bösewicht identifiziert".

Knott komponierte auch erstmals die Handlung eines Bühnenthrillers komplett aus Plot Twists und Turns. Dieses Konzept war so radikal, dass Frederick Knott zunächst kein Theater fand, das das Stück aufgeführt hätte.

Plakat der Bühnenaufführung am Broadway



 
Die Broadwaybesetzung (von links nach rechts):  John Williams als Inspector Hubbard, Maurice Evans als Tony Wendice, Gusti Huber als Margit Wendice.


Kritikerstimmen zur Broadwayfassung: Ein Thriller-Hit.





Der Plot:

Der Protagonist, Ex- Tennisprofi Tony Wendice, plant sich von seiner jungen, schwerreichen Ehefrau Margot, die einen Geliebten hat, zu trennen - indem er einen Auftragskiller zur Tat erpresst. Er hat den Mord diabolisch bis ins kleinste Detail durchgeplant. Ein Telefonanruf Tonys soll das Mordsignal geben, während er selbst, außerhalb, auf einem Dinner, ein Alibi vor vielen Zeugen hat- darunter ausgerechnet Margots Geliebtem. Der Auftragskiller soll danach einen Einbruch vortäuschen und unerkannt verschwinden. Doch plötzlich verläuft der Mordanschlag völlig anders als geplant, die Dinge laufen total aus dem Ruder, Tony muss improvisieren....

….und es gehört zur Schönheit der ungemein raffinierten Konstruktion dieses Thrillers, dass der Schlüssel zur Lösung, im wahrsten Sinne des Wortes, ausgerechnet ein Schlüssel ist…


Das Stück wurde zunächst von allen Londoner Theaterdirektionen, bei denen der Autor es eingereicht hatte, abgelehnt. Als letzten Ausweg schickte Knott das Stück an die Drama-Abteilung des BBC-Fernsehens, die es im März 1952 produzierte, und zwar als Studio-Live-Übertragung (die innerhalb einer Woche für eine zweite Aufführung nachgespielt wurde, da noch keine Videokassette verfügbar war und keine Kineskop-Aufnahme gemacht worden war).

Der Erfolg der TV-Fassung war so groß, dass sich plötzlich doch die Theater interessierten.


Ausschnitt aus der PLAYBILL zu "Dial M For Murder" am Broadway

 

Im Juni 1952 kam es zur Premiere im Westminster Theatre in London, in der Regie von John Fernald mit Alan McNaughtan und Jane Baxter in den Hauptrollen. Die Aufführung lief 425 Vorstellungen lang.


Im Oktober 1952 inszenierte Reginald Denham dann das Stück am New Yorker Broadway mit Maurice Evans und Gusti Huber in den Hauptrollen. Der Lohnkiller Lesgate wurde hier bereits, wie später in Hitchcocks Kinoverfilmung, von Anthony Dawson gespielt und Inspector Hubbard, wie bei Hitchcock, von John Williams, der dafür den Tony Award als Bester Nebendarsteller erhielt. Die Broadway-Inszenierung lief 552 Vorstellungen lang, vom 29. Oktober 1952 bis zum 27.Februar 1954.



Die Bühnenbesetzung

 

Der Bühnenversion gestand man damals in London nur kleine Erfolgsaussichten zu und so war sie mit einem sehr bescheidenen Budget ausgestattet; die britischen Schauspieler wurden sogar gebeten, ihre eigene Kleidung zu tragen, anstatt speziell angefertigte Kostüme. In der Zwischenzeit hatte Sir Alexander Korda die Filmrechte für nur 1000 Pfund erworben. Er hatte nie die Absicht, das Stück zu verfilmen, sondern verkaufte die Rechte, nachdem die Bühnenversion sowohl in London als auch in New York ein großer Erfolg geworden war. Der Verkaufspreis wird in der Regel auf etwa 20.000 £ geschätzt, was Frederick Knott ziemlich verärgerte.

1953 wurde das Bühnenstück von Alfred Hitchcock mit Ray Milland und Grace Kelly visuell brillant in Farbe und 3D verfilmt- eine (auch von ihm selbst) unterschätzte Meisterleistung Hitchcocks. In nur 36 Tagen (von Mittwoch, dem 5. August 1953, bis Freitag, dem 25. September 1953, nur werktags Montag bis Freitag) schloss er den Dreh der „Gelegenheitsarbeit“ ab, die doch zu einem zeitlosen Meisterwerk wurde.

Das Drehbuch verfasste Frederick Knott selbst. 


In dieser Kino- Fassung, die am 29. May 1954 Premiere feierte, und am 6. Dezember 1971 ab 21.00 Uhr erstmals im deutschen TV (ZDF) ausgestrahlt wurde, spielt Ray Milland Tony Wendice, eine sensationell intensive Grace Kelly seine Frau Margot, Robert Cummings deren Geliebten, den Kriminalschriftsteller Mark Halliday, Anthony Dawson den Auftragskiller Lesgate sowie John Williams Inspector Hubbard.

Zu Alfred Hitchcocks Traumbesetzung für diesen Film gehörten Deborah Kerr, William Holden und Cary Grant. Kerr und Holden waren mit anderen Filmen beschäftigt. Grant lehnte es ab, einen Bösewicht zu spielen, eine Rolle, die Ray Milland gerne übernahm.

 
Hitch inszeniert Grace Kelly



Hitchcock und Kelly beobachten eine Szene




Schauspielerführung de luxe: Alfred Hitchcock



Obschon Hitch, das war eines seiner Prinzipien bei Stücken, die Bühnenhandlung nicht über den Hauptschauplatz der Wohnung der Wendices hinaus öffnet (nur ein halbes Dutzend Einstellungen spielt außerhalb), gelang, dank der sensationellen Kameraarbeit seines Leibkameramanns Robert Burks ein fotografischer Leckerbissen in Technicolor. Auch die verschlagen-schweißtreibende Filmmusik von Oscarpreisträger Dimitri Tiomkin („12 Uhr Mittags“, auch mit der Kelly) leistet einen entscheidenden Beitrag.

Wie bei allen Arbeiten Hitchcocks, sprüht auch "Bein Anruf Mord" vor liebevollen und aufwendigen Details:

Bei ihrem ersten Treffen trägt der unzuverlässige Kapitän Swann eine Krawatte (Anthony Dawson) in den Farben einer Regimentskrawatte der Garde. Es handelt sich jedoch nicht um eine echte Krawatte, da die diagonalen Streifen in amerikanischer Richtung verlaufen, im Gegensatz zum britischen Stil. Dies ist ein zeitgenössisches Detail, das von Spivs* verwendet wird. Die Krawatte ähnelt der vertrauenswürdigen Guards-Krawatte gut genug, um die meisten zu täuschen, bietet aber eine Ausrede, wenn ein echter Guardsman die Dienstakte des Trägers in Frage stellt. (*"Spiv" ist ein britischer Ausdruck für "einen Mann, der ohne feste Anstellung von seinem Verstand lebt" (Merriam-Webster's Collegiate Dictionary, elfte Auflage).

Während des Plans, die Verwicklung des Ehemannes aufzudecken, lässt der Inspektor einen seiner Polizisten die Handtasche der Frau zur Polizeiwache bringen. Als der Polizist sich die Tasche über die Schulter wirft und gehen will, hält ihn der Inspektor mit einer Warnung auf, dass er verhaftet werden könnte. Daraufhin legt der Inspektor die Handtasche in seine Aktentasche für den Polizisten. Die Gesetze über sexuelles Verhalten in Großbritannien wurden erst 1967 geändert, um Homosexualität zu entkriminalisieren.

In der Szene, in der Grace Kelly aus dem Bett steigt, um ans Telefon zu gehen, sollte sie ursprünglich einen roten Samtmantel tragen. Dann sagte sie zu Hitchcock: "Diese Robe wäre perfekt für Lady Macbeths Schlafwandler-Szene, aber nicht etwas, das ich nur tragen würde, um ans Telefon zu gehen." Daraufhin fragte er sie, was sie anziehen würde, und Kelly sagte ihm: "Nur ein leichtes Nachthemd." Hitch stimmte zu, und das ist es, was sie in dem Film trägt.


Hitchcocks virtuos inszenierte, durch und durch filmische, visuell enorm temporeich und kinematografisch aufgelöste Variante, in der jedes Filmbild etwas erzählt, Handlung transportiert, ist künstlerisch allen vorherigen und späteren Fassungen, darinter auch dem deutschen Fernsehspiel von 1959 stark überlegen.


Deutsches TV-Remake: Unterhaltsam doch unterlegen.




 

Ungewöhnliche Winkel bestimmen die dynamische Bildsprache


Diabolisch: Ray Milland als Tony Wendice


Allein – vom Publikum oft übersehen – die sehr bewusste, psychologisch motivierte, Farbdramaturgie von Grace Kellys Garderobe den Film hindurch, trägt schon alle Merkmale doppelbödiger hitchcockscher Gestaltungskraft, sie durchdringt auch den Rest des Filmes, nahezu jede einzelne Einstellung.

 Hitchcock choreografiert jeden Plot-Twist so auf den Punkt perfekt getimt aus, wie ein Ballett, dass man sich einer Gänsehaut nicht erwehren kann.

Grace Kelly erhielt für die famose Darstellung der Margot Wendice den Preis der New Yorker Filmkritiker und,wie John Williams, des National Board of Review.


Die Kameraperspektiven erzählen stets über die Szene



Obwohl Hitchcock "Bei Anruf Mord" - zu Unrecht - für einen minderen Film hielt - hauptsächlich weil er, da er auf die Dramaturgie und Mechanik des Bühnenthrillers angewiesen war und daher nicht die totale Kontrolle über alle einzelnen Aspekte von Form, Inhalt und Hintergrund hatte, vor allem nicht in der Planungsphase (die für Hitchcock immer wichtiger war als das eigentliche Drehen, vor allen Dingen: Genussreicher, fast sexuell aufgeladen), wenn man so will, den Stoff nicht so unterwerfen konnte, wie eine kühle Blondine, gehört er zu seinen eindrucksvollsten.



Dieses Riesentelefon wurde - zusammen mit einem mechanischen Riesenfinger - benutzt, um zu zeigen wie Ray Milland wählt - da solche Nahaufnahmen 1954 noch nicht möglich waren.


Lesen wir einmal nach, was Hitchcock Frankreichs Starregiesseur Francois Truffaut in dessen berühmtem Interview-Buch "Mr. Hitchcock wie haben sie das gemacht?" von 1966 zu "Dial M For Murder" erzählt....


TRUFFAUT: Wir sind nun im Jahre 1953 angelangt und bei „Dial M For Murder“

HITCHCOCK: … den wir schnell hinter uns bringen können, dazu gibt es nicht viel zu sagen.

TRUFFAUT: Entschuldigen Sie, wenn ich da nicht Ihrer Meinung bin, auch wenn es sich um eine Gelegenheitsarbeit handelt

HITCHCOCK: Das war wieder einmal „run for cover“. Ich hatte ein en Vertrag mit den Warner Bros. Und arbeitete an einem Drehbuch mit dem Titel „Bramble Bush“. Das war die Geschichte eines Mannes, der einem anderen seinen Pass gestohlen hat, ohne zu wissen, dass der Inhaber des Passes wegen Mord gesucht wird. Ich habe eine Weile daran gesessen, und es wollte überhaupt nicht klappen. Dann hörte ich, dass Warner Bros. die Rechte eines Stücks gekauft hatten, das am Broadway sehr erfolgreich gewesen war, „Dial M For Murder“. Da habe ich sofort gesagt „Das nehme ich!“. Damit war ich auf Nummer sicher.

TRUFFAUT: Sie haben das sehr schnell gedreht?

HITCHCOCK: In 36 Tagen.

TRUFFAUT: Ein sehr interessanter Aspekt des Films ist, dass er in 3D gedreht wurde. Leider haben wir ihn in Frankreich nur zweidimensional gesehen, weil die Kinobesitzer aus purer Faulheit an der Kasse die Brillen nicht verkaufen wollten.

HITCHCOCK: Der plastische Effekt ergab sich hauptsächlich bei den Aufnahmen aus der Untersicht. Ich hatte einen Graben bauen lassen, damit die Kamera häufig auf der Höhe des Fußbodens war. Davon abgesehen gab es kaum plastische Effekte.

TRUFFAUT: Einmal mit dem Leuchter, dann mit einer Blumenvase und vor allem mit der Schere.


Anthony Dawson würgt gleich die Fürstin von Monaco

 

HITCHCOCK: Ja, wenn Grace Kelly nach einer Waffe sucht, um sich zu verteidigen. Und dann noch in der Szene mit dem Schlüssel, aber das war schon alles.

TRUFFAUT: Sonst hält sich der Film genau an das Stück.

HITCHCOCK: Ja. Zu Filmen, die auf Stücken basieren, habe ich nämlich eine Theorie, die ich schon zur Stummfilmzeit anwandte. Viele Regisseure nehmen ein Stück und sagen „Daraus mache ich einen Film“ Und dann machen sie das, was sie „auflockern“ nennen, das heißt, sie zerstören die Einheit der Handlung und gehen aus dem Dekor hinaus.

TRUFFAUT: Der französische Ausdruck ist, das Stück „lüften“

HITCHCOCK: Das wird meistens so gemacht. Im Stück kommt jemand an: Es heißt er sei im Taxi gekommen. Da zeigen die erwähnten Regisseure dann, wie das Taxi vorfährt. Die Leute steigen aus, bezahlen den Fahrer, gehen die Treppe hinauf, klopfen an die Tür, treten ein. Dann kommt eine lange Szene, die es auch im Stück gibt, bis eine der Personen von einer Reise berichtet. Die Gelegenheit wird benutzt, um uns mit einer Rückblende davon zu erzählen. Diese Regisseure vergessen ganz, dass die grundlegende Qualität des Stückes in seiner Konzentration besteht.

TRUFFAUT: Genau das ist so schwierig für einen Regisseur, die ganze Handlung auf einen einzigen Ort zu konzentrieren. Allzu oft werden die Stücke dadurch zerstört, dass man sie in den Film überträgt.

HITCHCOCK: Das ist ein häufiger Irrtum. Meistens fügen solche Filme zur Zeit des Stückes zusätzlich einige Rollen hinzu, die völlig uninteressant und angeklatscht sind. Als ich „Dial M For Murder“ gedreht habe, bin ich nur ganz kurz, zwei- oder dreimal, aus dem Dekor hinausgegangen, zum Beispiel wenn der Kriminalbeamte etwas verifizieren muss. Ich hatte einen richtigen Fußboden anbringen lassen, dass man auch wirklich das Geräusch der Schritte hören konnte, das heißt, ich habe das Theaterhafte noch unterstrichen.

TRUFFAUT: Deshalb haben Sie auch beim Ton von „Juno abd The Peacock“ und „Rope“ am meisten Wert auf Realismus gelegt.

HITCHCOCK: Genau

TRUFFAUT: Aus demselben Grund haben sie auch den Prozess nicht gezeigt, sondern Einstellungen von Grace Kelly vor einem neutralen Grund und farbigen Lichtern, die hinter ihr rotieren.


 

Der Schlüssel zur Lösung - als Detailshot

HITCHCOCK: Es war intimer so, und die Einheit der Emotion bleib erhalten. Hätte ich einen Gerichtssaal bauen lassen, so hätten die Zuschauer gemeint, jetzt beginnt ein neuer Film, und hätten angefangen zu husten. Zu den Farben:  Mit Grace Kellys Garderobe haben wir interessante Experimente gemacht. Zu Beginn des Films ist sie in lebhaften und lustigen Farben gekleidet, und je finsterer die Handlung wird, umso dunkler werden ihre Kleider.

TRUFFAUT: Ehe wir „Dial M For Murder“ verlassen, über den wir gesprochen haben, als sei es einer ihrer kleineren Filme, möchte ich doch sagen, dass das einer von denen ist, die ich mir am häufigsten ansehe und immer von neuem mit Vergnügen. Es ist ganz offensichtlich ein Dialogfilm, dennoch sind der Aufbau, der Rhythmus, die Führung der fünf Schauspieler so perfekt, dass man jedem Satz andächtig lauscht. Ich glaube, es ist ungeheuer schwer zu erreichen, dass der Zuschauer einem ununterbrochenen Dialog zuhört. Sie haben auch da etwas geschafft, was einfach scheint, aber in Wahrheit äußerst schwierig ist.

HITCHCOCK: Ich habe eben meine Arbeit getan, so gut ich konnte. Ich habe mich filmischer Mittel bedient um eine Geschichte zu erzählen, die auf einem Theaterstück basiert. Die ganze Handlung von „Dial M For Murder“ spielt in einem Salon, aber das ist ohne jede Bedeutung. Ich würde auch gern einen Film in einer Telefonzelle drehen. Stellen wir uns doch mal ein Liebespaar in einer Telefonzelle vor. Ihre Hände berühren sich. Ihre Münder treffen aufeinander, und zufällig schieben ihre Körper den Hörer von der Gabel. Jetzt, ohne dass das Paar es ahnt, kann das Telefonfräulein ihre intime Unterhaltung verfolgen. Das Drama ist um einen Schritt weitergekommen. Für das Publikum das diese Bilder sieht, ist es wie der erste Abschnitt eines Romans oder als ob es einer Exposition auf dem Theater lauschte. So läßt eine Szene in einer Telefonzelle dem Filmregisseur dieselbe Freiheit, wie ein weißes Blatt dem Romancier.

 

P.S: Weitere Neuverfilmungen umfassen eine schonend modernisierte britische TV Version von 1981 mit Christopher Plummer, Angie Dickinson, Anthony Quayle und Ron Moody (die komplett erhalten ist: https://www.youtube.com/watch?v=sTQ97QMrLLM) und „Ein perfekter Mord“ ein sehr, sehr freies Remake mit Michael Douglas, Gwyneth Paltrow , Viggo Mortensen und David Suchet von 1998.





Remake Nummero eins.


Quasi-Remake Nummero 2




Freitag, 21. Juni 2024

"CITIZEN X" (1995) - zum Tode von Donald Sutherland





Gestern, am 20.06.2024, wurde bekannt, dass die kanadische Schauspielerlegende Donald Sutherland ("Invasion Of The Body Snatchers", "Wenn die Gondeln Trauer tragen", "Die Tribute von Panem") im  Alter von 88 Jahren verstorben ist.  Eine seiner eindrucksvollsten Rollen spielte er 1995 in "Citizen X" - von diesem bemerkenswerten TV -Film wollen wir an dieser Stelle berichten.


Donald Sutherland grandios ambivalent als Oberst Fetisow in "Citizen X" - für die Darstellung gewann er den Emmy und den Golden Globe als bester Nebendarsteller




Dieser vielfach preisgekrönte, teils bewegende, hochspannende Fernsehfilm nach Tatsachen (Regie und Buch Chris Gerolmo), zeigt mustergültig die Unterdrückung von Menschen, die unter der Diktatur, hier dem Sowjetkommunismus, leben müssen und die entsetzlichen Folgen ideologischer Verblendung am Extrembeispiel einer legendären Polizei-Ermittlung die Geschichte schrieb.


Ein Mann kämpft allein: Oberst Burakow (furios: Stephen Rhea) jagt ein Phantom.



Es lohnt sich unter aktuellen Gesichtspunkten übrigens
zu beachten, dass Wladimir Putin, genau zu der Zeit, in der die Geschichte spielt, im Ausland als KGB-Agent aktiv war. Er dürfte von derselben extrem ideologisierten Geisteshaltung geprägt worden sein, die im Film dargestellt ist.


*

Russland, Sowjetunion 1982:

In einem Waldgebiet, Lesopolosa, bei Rostow am Don, tauchen immer wieder auf unvorstellbare Weise verstümmelte Leichen auf. Immer junge Frauen oder kleine Kinder - beiderlei Geschlechts.

Mehrere von Ihnen verschwanden zuvor spurlos. Mehrere wurden in Begleitung eines unheimlichen, großgewachsenen Mannes gesehen.

Immer findet man sie in den Wäldern. Immer in der Nähe von Bahngleisen. Als die Fälle sich schließlich über die ganze Südukraine erstrecken, wird klar, dass es sich um ein Phänomen handeln muss, das es im kommunistischen Sowjetrussland eigentlich gar nicht geben darf, da es dem dekadenten kapitalistischen Westen zugeschrieben wird: Ein Serienmörder geht um….

Die Behörden sind alarmiert, die erste Mordkomission der Sowjetunion überhaupt wird – heimlich - eingerichtet. Da die Aufgabe niemand übernehmen will, wird der Forensiker Viktor Burakow (herausragend Stephen Rea), der keine Polizeierfahrung hat, mit der Leitung der Ermittlungen (zwangs-)betraut.


Burakow ahnt früh, wo der Mörder seine Opfer findet...


Diese Ermittlungen werden insgesamt 15 Jahre dauern, weil die Diktatur es so will, weil die Partei und Burakows wendegesichtiger Vorgesetzter Oberst Fetisow (furios: Donald Sutherland) aus ideologischen Gründen Ermittlungen in die falsche Richtung forcieren: Burakow soll lieber verfemte Homosexuelle jagen.

Den Durchbruch wird erst das erste Täterprofil der russischen Kriminalgeschichte, inoffiziell erstellt von dem Psychiater Bukanowksi (Max von Sydow), bringen, das er, ohne den Namen des Mörders zu kennen, mit „Staatsbürger X.“ überschreiben wird – und das Tauwetter der Perestroika…


*





Das brillant recherchierte, feinsinnige Kriminal-Drama basiert auf dem Tatsachenbericht „The Killer Department“ von Robert Cullen , der auch selbst fließend Russisch spricht und alle Beteiligten später interviewte.

Es ist nicht nur eine grandiose Milieubeschreibung der zerfallenden Sowjetunion und ihrer Menschen, sondern auch das unerträglich spannende Protokoll einer Täterjagd.

Mehr als zwölf Jahre lang, immer wieder behindert durch die unfassbaren bürokratischen Hemmnisse des Kommunismus, folgten der frühere Forensiker Viktor Burakow und später auch sein Vorgesetzter Mikhail Fetisow so aufopferungsvoll wie unbeirrt der Spur des Mannes, den die Presse später den „Rostow Ripper“ nannte, bis sie ihn 1990 fassten und ihm einen Namen gaben:

Andrej Chikatilo.


Serienmörder Andrej Chikatilo


Ein ängstlich – neurotischer früherer Schullehrer der bereits 1986 auf einer Bahnstation aufgegriffen worden, und irrtümlich als Täter ausgeschlossen worden war, obschon sich in seiner Aktentasche ein Seil und ein Fleischermesser fanden – aufgrund einer falschen Blutgruppenanalyse, und weil die kommunistische Partei die Freilassung des Parteigenossen erzwang.

56 Menschen starben unter seinen Händen.


Ermordung eines Mörders: Andrej Chikatilo (eindrucksvoll: Jeffrey DeMunn) wird hingerichtet



Der brillante, stark gespielte halbdokumentarische Fernsehfilm des Senders HBO erzählt die schier unfassbare Geschichte der Jagd nach dem „Rostow Ripper“ hypnotisch und ohne jeden effektheischenden Sensationalismus nach.

Der Fokus liegt nicht auf Metzeleien oder Brutalitäten sondern auf der großen Tragik des Falles und der enormen Leistung des Ermittlungsbeamten Leutnant Burakow der den Täter ohne Hilfe und ohne Pause über mehr als eine Dekade (1978 – 1990) jagte und schließlich in die Falle lockte.




FBI-Legende John Douglas sollte später bewundernd sagen, Burakow sei der einzige Mensch auf der Welt von dem er nie verfolgt werden möchte.

In weiteren Rollen brillieren der enorm vielschichtige Donald Sutherland als Oberst Fetisow, der große Max Von Sydow in einer unvergesslichen Nebenrolle als erster russischer Psychiater in einem Serienmordfall, der über seine eigene Courage erschrickt, sowie Jeffrey DeMunn in einer feinfühligen Darstellung Chikatilos, die selbst diesem abartig veranlagten Menschen eine grundlegende menschliche Würde verleiht.


Schauspiel-Titan Max von Sydow als Psychiater Bukanowsky, der das Täterprofil, überschrieben mit "Staatsbürger X" (Citizen X) erstellte.


„Citizen X“ war für 7 Emmys und 2 Golden Globes nominiert , Stephen Rea wurde auf dem Filmfestival von Kairo und beim Katalonischen Filmfestival Stiges als Bester Schauspieler ausgezeichnet, wo „Citizen X“ zudem als Bester Film und für die Beste Regie prämiert wurde.

Jeffrey DeMunn erhielt den CableACE Award als Bester Nebendarsteller .

Donald Sutherland wurde für die Rolle des Oberst Fetisow 1995 mit dem Golden Globe und dem Emmy Award als Bester Nebendarsteller ausgezeichnet.

Chris Gerolmo erhielt für das Drehbuch nicht nur den renommierten Edgar Allan Poe Award sondern auch den Writers Guild Of America Award.

Hier findet sich die deutsche Synchron-Fassung, kurioserweise unter anderem Titel :



(ab ca. Minute 100 wiederholt sich der Film)

Engl. Fassung:






Sonntag, 19. November 2023

DIE ZEHN GEBOTE (1956)“: DIE GRÖßTE SCHAU DER WELT.

„DIE ZEHN GEBOTE (1956)“: DIE GRÖßTE SCHAU DER WELT.


 





Aufnahmen von der Premiere: 



Der Erfinder des amerikanischen biblischen Monumentalfilms Cecil Blount DeMille hatte die Story schon einmal als Stummfilm 1923 verfilmt. Seine eigene Neuverfilmung von 1956 mit Charlton Heston als Moses, die auch sein letzter Film war, ist ein in vielfacher Hinsicht bemerkenswertes Spektakel.


1923 verfilmte DeMille den Moses-Stoff zum ersten Mal, als Stummfilm.



DeMille erlitt während der aufreibenden Dreharbeiten einen Herzinfarkt, meldete sich aber, entgegen dem Rat der Ärzte, schon eine Woche später wieder zur Arbeit und beendete das Epos. Sein ungewöhnlich hohes Engagement merkte man auch in diesem SEHR ungewöhnlichen Originaltrailer von 1956 in dem kein Geringerer als Cecil DeMille höchstpersönlich das kommende Spektakel ankündigt:



Das umfangreiche Drehbuch (Es kann hier komplett nachgelesen werden: https://cupdf.com/document/the-ten-commandments-1956-final-shooting-scriptpdf.html?fbclid=IwAR0MBfSWdp-xe3xSnReVbEnCvvbLHYgZonZuZ2h3wGqFhOG0tG2kAoBtuX8&page=1) des 229 Minuten langen Films basierte dabei nicht nur auf dem Buche Exodus der Bibel, sondern auch auf den Schriften des antiken christlichen Historikers Flavius Josephus , des antiken Historikers Philo und gleich drei verschiedenen Romanen über Moses, nämlich "Der Prinz von Ägypten" von Dorothy C. Wilson, "Die Feuersäule" von J.H. Ingraham und "Auf den Schwingen des Adlers" von A.E. Southon.


Originaldrehbuchseite mit angegebenen Bibelstellen









Der Aufwand war enorm: Mindestens 14 000 Statisten, über 15 000 Tiere, mehr als 300 000 Liter Wasser für die Teilung des roten Meeres kamen zum Einsatz. Die Dreharbeiten, teils an Originalschauplätzen in Ägypten und Sinai, nahmen über 2 Jahre in Anspruch und verschlangen die seinerzeit unvorstellbare Summe von über 13 Millionen Dollar. Die Außensets gehören zu den größten die je gebaut wurden. Der wuchtige Score von Elmer Bernstein ist alleine schon zweieinhalb Stunden lang. Vier Drehbuchautoren, drei Produktionsdesigner und fünf Kostümdesigner:innen arbeiteten an DeMilles Opus Magnum.





DeMille versammelte einen All - Star - Cast (teils in winzigsten Rollen), dazu gehörten Charlton Heston, Yul Brynner, Edward G. Robinson, Anne Baxter, Debra Paget, Yvonne De Carlo, Sir Cedric Hardwick, John Carradine, Vincent Price, Dame Judith Anderson und Baby Fraser Heston als der neugeborene Moses. Richard Farnsworth, Patricia Hitchcock, der noch unbekannte Robert Vaughn und sogar Carl "Alfalfa" Switzer von den kleinen Strolchen hatten kurze Cameo Auftritte als hebräische Sklaven oder böse Ägypter.

DeMille selbst gab die Erzählerstimme. Die Spezialeffekte des Films (Höhepunkte: der brennende Dornbusch, Die sieben Plagen, die Feuersäule, Teilung des roten Meeres, und die zehn Gebote selbst die via göttlichem Laserstrahl aus dem Fels gesprengt werden) übertrafen alles bis dahin dagewesene, die technischen Grundlagen dafür mussten erst, speziell für diesen Film, erfunden werden.





Die Teilung des Roten Meeres, beispielsweise, galt als der schwierigste Spezialeffekt, der bis zu diesem Zeitpunkt durchgeführt wurde.

Die Dreharbeiten für diesen Effekt dauerten etwa sechs Monate und kombinierten Szenen, die am Ufer des Roten Meeres in Ägypten gedreht wurden, mit Szenen, die in den Paramount Studios in Hollywood in einem riesigen Wassertank gefilmt wurden, der durch einen U-förmigen Trog geteilt wurde, in den etwa 360.000 Gallonen Wasser von den Seiten her eingeleitet wurden, sowie mit den Dreharbeiten für einen riesigen Wasserfall, der ebenfalls auf dem Paramount-Gelände gebaut wurde, um den Effekt der Wände des geteilten Meeres aus dem turbulenten Rückstau zu erzeugen. 





Alle verschiedenen Elemente der Aufnahme wurden dann im optischen Drucker von Paul Lerpae kombiniert, und Matte Paintings von Jan Domela verdeckten die Matte-Linien zwischen den realen Elementen und den Spezialeffekten- Die Sequenz der Teilung des Roten Meeres wird von vielen bis heute als einer der größten Spezialeffekte aller Zeiten angesehen

"Die zehn Gebote" ist nicht Filmkunst, und Cecil B. DeMille war unter keinen Gesichtspunkten ein Künstler - er war aber ein glänzender Handwerker und brillanter Showmensch, ein cineastischer Schausteller, der in der Lage war ein großartiges Spektakel zu kreieren, wie es früher nur im Zirkus zu sehen war. Er konnte sein Publikum verzaubern, bannen und überwältigen.

Wie das genau gemacht wurde, kann man hier im Making-Of sehen: 






Auch "Die zehn Gebote" ist kein tiefgründiges Religionsdrama sondern ein - total altmodisches - bombastisches, prunkvolles Historienepos mit moralisch verbrämtem Fantasyeinschlag.

Aber daran wie DeMille den Zuschauer mit allen dramaturgischen und technischen Mitteln in blendender Farbenpracht zum Staunen bringt, wie ein Kind auf dem Jahrmarkt, wie er einen - trotz aus heutiger Sicht gelegentlicher unfreiwilliger Komik – ,dank unglaublich effektvoller Inszenierung, nebst umwerfenden Massenszenen, fast vier Stunden lang völlig mühelos unterhält, daran kann man seine (naive) Freude haben und das kann man respektieren.








Man beachte wie respektvoll Meisterregisseur Martin Scorsese, als er den Cecil B. DeMille Award Golden Globe für das Lebenswerk) erhält:




DeMilles Film "Die zehn Gebote" spielte - inflationsbereinigt - über 440 Millionen Dollar ein, und ist damit der siebterfolgreichste Film aller Zeiten, nach Vom Winde verweht (1939), Avatar - Aufbruch nach Pandora (2009), Krieg der Sterne (1977), Titanic (1997), The Sound Of Music (1965) und E.T. - Der Außerirdische (1982).

„Die Zehn Gebote“ war 1957 für 7 Oscars nominiert, und gewann für die Besten Spezialeffekte:

  • Oscar in der Kategorie Beste Spezialeffekte für John P. Fulton
  • Nominierung in der Kategorie Bester Film für Cecil B. DeMille
  • Nominierung in der Kategorie Beste Kamera für Loyal Griggs
  • Nominierung in der Kategorie Bester Schnitt für Anne Bauchens
  • Nominierung in der Kategorie Bester Ton für Loren L. Ryder (Paramount SSD)
  • Nominierung in der Kategorie Beste Ausstattung für Hal Pereira, Walter H. Tyler, Albert Nozaki, Sam Comer, Ray Moyer
  • Nominierung in der Kategorie Bestes Kostümdesign für Edith Head, Ralph Jester, John Jensen, Dorothy Jeakins, Arnold Friberg

Alle späteren Verfilmungen des Stoffes bisher fielen - trotz überlegener Tricktechnik - gegen das Original von 1956 steil ab.




Samstag, 24. Juni 2023

OTFRIED PREUSSLERS „KRABAT“ – EIN ANTIFASCHISTISCHER ROMAN?


Dieser Essay erschien ursprünglich Ostern 2021 in der Gruppe "Wir brauchen den Widerstand gegen Rechts". Er wurde hiermit auch  in den Blog übernommen, wo er übersichtlicher und bebilderter darstellbar ist.


*

FOCUS: Sie haben oft gesagt, die Thematik des „Krabat“, die Verführung zur bösen Macht, sei das Thema Ihrer Generation ...

Preußler: Als das Buch 1971 herauskam, fuhr ich zu einer Lesung vor Bibliothekaren in die Schweiz. Dort sagte einer in schönstem Schwyzerdytsch: „Sagen Sie, Herr Preußler, der Meister, das ist doch wohl der Hitler?“ Und da ist mir aufgegangen: Ja, er hat Recht. Der Meister ist zwar nicht Hitler, aber doch eine Inkarnation der bösen Macht.

FOCUS: Aber was kann der „Krabat“ jungen Menschen heute bedeuten – in unseren friedlichen Zeiten?

Preußler: Sagen Sie das nicht. Denken Sie doch nur an den Terrorismus. Auch heute und in unserem Land kommt es vor, dass junge Leute auf Extremisten hereinfallen.


 


Dieses Jahre wäre er 100 Jahre alt geworden – der große Kinder- und Jugendbuchautor OTFRIED PREUßLER (geboren als Otfried Syrowatka), Vater des „Kleinen Wassermanns“, der „kleinen Hexe“, vom „starken Wanja“, dem „Räuber Hotzenplotz“ und Autor des vielfach preisgekrönten Meisterwerkes „Krabat“ von 1971, eines virtuosen Jugendromans auf der Basis der sorbischen Volkssage um „Mistr Krabat“.

Und 52 Jahre wird dieses vielleicht bedeutendste Jugendbuch Deutscher Sprache (ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendpruchpreis, dem Europäischen Jugendbuchpreis, dem Polnischen Jugendbuchpreis, dem Dänischen Jugendbuchpreis und dem Ehrenpreis der amerikanischen Bibiliotheken) 2023 alt.

Deshalb möchte ich mir an dieser Stelle die Zeit nehmen zu untersuchen, ob dieses Buch vielleicht tatsächlich in erster Linie nicht als fiktionaler Sagenstoff, sondern als sehr greifbare reale Warnung vor dem Faschismus geschrieben worden ist?


Dafür gibt es noch einen zweiten konkreten Ansatzpunkt:

2015 wurde der Öffentlichkeit erstmals bekannt, dass Preußler, als gerade 20-jähriger und damals noch NS-überzeugter Jugendlicher wohl bereits einen Hitlerjugendroman geschrieben hatte, namens „Erntelager Geyer“.

Preußlers NS-Frühwerk "Erntelager Geyer"


Das Buch – das offenbar nur wenig rassistische Entgleisungen enthält - verschwand später spurlos, es tauchte in Preußlers Bibliographien und Biographien niemals auf. Niemand wusste davon. Offenbar schämte sich Preußler dieses unüberlegten Frühwerkes. (https://orf.at/v2/stories/2294576)

1944 wurde das Werk so beschrieben:

„Der Verfasser, ein junger, jetzt im Felde stehender Reichenberger lenkte bereits durch einige Gedichte die Aufmerksamkeit auf sich. Und dieses Buch schrieb er mit 17 Jahren. In frischer, anschaulicher Darstellung erzählt er hier von dem Kriegs- Ernteeinsatz einer Schar Jungens in Wernersdorf, von ihrem erstmaligen Erleben des Bauerntums, wie sie es bisher kaum kannten. Fröhlich und guten Willens packen sie jede Arbeit an, freilich mit der baldigen Erkenntnis, dass diese nicht immer leicht sei. Aber sie sind stolz darauf, mit allen Schwierigkeiten fertig zu werden und richtige Männerarbeit zu leisten. Den Ausgleich zu der harten Bauernarbeit bildet das Lagerleben mit der sportlichen Ertüchtigung, mit Geländespielen, Heimabenden und manchen lustigen Streichen. Eben diese schöne Kameradschaft des Lagers auch hilft manchem von ihnen, bei der schweren Bauernarbeit durchzuhalten. In seiner Schlichtheit der Gestaltung und des Inhalts ist dieses Buch ein wertvoller Beitrag zum Bilde unserer Jugend von heute.“




Er selbst erwähnte es nie.

Erst posthum wurde eine Ausgabe entdeckt.

Vielleicht, mag man mutmaßen, hat er versucht mit seinem „Krabat“ literarische Abbitte zu leisten, seine Verführbarkeit zu verarbeiten.

Vielleicht hat er deshalb 10 Jahre bis zur Besessenheit an diesem Buch gearbeitet, das ihm anfangs ganz und gar nicht gelingen wollte. Vielleicht hat er sich deshalb so sehr damit gequält, dass er vorübergehend auf einem Auge erblindete und sich zur eigenen Erholung vom „Krabat“ den „Hotzenplotz“ ersann.

Falls es so war, so ist diese literarische Wiedergutmachung, die vielleicht auch Abbitte für die nationalsozialistische Jugendsünde gewesen sein mag, noch mehr für die eigene Verführbarkeit, nach meinem subjektiven Dafürhalten gelungen.


Der junge Wehrmachtssoldat Preußler in Diensten des NS-Regimes


Für diese These spricht, dass der Sudetendeutsche Preussler in einem völkisch geprägten, deutschtümelnden Haushalt in Reichenberg/Liberec im heutigen Tschechien aufwuchs, dass sein Vater Josef Syrowatka ein überzeugter Nationalsozialist und Antisemit war, der später, nach dem Einmarsch der Nazis, seinen Namen zu Preußler „eindeutschen“ um nicht zu sagen arisieren ließ (https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Preu%C3%9Fler).

Der junge Otfried Preußler auf dem Lande.


Und für diese These spricht im Besonderen, wie stark Preußler in seinem Roman“ Krabat“, nach der sorbischen Volkssage, eigene biographische Elemente hat einfließen lassen, die in der Vorlage nicht enthalten sind, und die eine metaphorisch-allegorische Lesart nahelegen. Diese Lesart wiederum hat er selbst befeuert, als er sagte, Zitat:

Mein „Krabat“ ist keine Geschichte, die sich nur an junge Leute wendet, und keine Geschichte für ein ausschließlich erwachsenes Publikum. Es ist die Geschichte eines jungen Menschen, der sich mit finsteren Mächten einlässt, von denen er fasziniert ist, bis er erkennt, worauf er sich da eingelassen hat. Es ist zugleich m e i n e G e s c h i c h t e , die Geschichte meiner Generation, und es ist die Geschichte aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken. Dagibt es nur einen Ausweg, den einzigen, den ich kenne: den festen Willen, sich davon frei zu machen, die Hilfe von treuen Freunden – und jene Hilfe, die einem aus der Kraft der Liebe zuwächst, der Liebe, die stärker ist als die Macht des Bösen und alle Verlockungen dieser Welt.

 


Schriftsteller Otfried Preußler Ende der 1980er Jahre


Befassen wir also kurz mit dieser Geschichte – mit Hilfe vor allem der brillanten Diplomarbeit „Autobiographische Elemente in Otfried Preußlers „Krabat“ von Elisabeth Wolfsgruber BA (https://docplayer.org/60645783-Diplomarbeit-titel-der-diplomarbeit-autobiographische-elemente-in-otfried-preusslers-krabat-verfasst-von-elisabeth-wolfsgruber-ba.html?fbclid=IwAR1moXKyBEIOsUMxZ4b-fFK2YXP8hO2uDv3yT899N4tcS1zQnFXzl_FHd1Q) – um zu sehen, inwieweit sie sich in „Krabat“ spiegelt.


"Eine herrlich unbeschwerte Zeit" sei seine Jugend gewesen, schreibt Preußler Jahrzehnte später. Nachzulesen ist darüber im Buch "Ich bin ein Geschichtenerzähler", bestehend aus ausdrucksstarken autobiografischen Skizzen. Von der hysterischen Begeisterung vieler Sudetendeutscher für das Nazi-Regime, die damals womöglich auch Familie Preußler teilte, berichtet er ebenso wenig wie von Einverleibung des Sudetenlandes 1938, der Zerschlagung der "Rest-Tschechei" und dem Terror-Regime der Deutschen über Tschechen und Slowaken.“

(Quelle: SZ)

 

Holzschnitt von Herbert Holzing

„An der Kriegsschule in Dresden wird er vorerst in einem Offiziersbewerberlehrgang ausgebildet, bevor er erst nach Russland, dann als Leutnant nach Rumänien eingezogen wird und dort 1944 in Bessarabien in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerät. Fünf Jahre verbringt er in unterschiedlichen Arbeitslagern, darunter das berüchtigte Offizierslager Jelabuga , bis er im Jahre 1949 entlassen wird und heimkehren kann.“

(Quelle: Diplomarbeit Elisabeth Wolfsgruber)

 

Über diese Zeit führt die SZ genauer aus:


„Nach dem Abitur 1942 zieht die Wehrmacht Preußler ein. Zwei Jahre später muss der junge Leutnant nach Rumänien, wo die Rote Armee die deutschen Verbände bald aufreibt. Preußler kommt unverletzt in Gefangenschaft, doch die nächsten fünf Jahre verbringt er hinter Stacheldraht in sowjetischen Lagern, irgendwo am Ural. Das Sterben ist dort Normalität, Folge des brutalen Klimas, der Zwangsarbeit, von Hunger und Seuchen. Preußler schreibt von Willkür, aber auch von Russen, die mit den hungernden Deutschen ihr Essen teilen. Preußler und die anderen rezitieren auswendig gelernte Gedichte, Goethe, Schiller, Eichendorff. Es ist das Einzige, was an die ferne, unerreichbare Heimat erinnert. Damals habe er bei seinen Kameraden sein "erstes Praktikum als Geschichtenerzähler absolviert", meint er später: Gegen das Heimweh, "gegen Verzweiflung und Tod". Einmal rettet ihm eine jüdische Armeeärztin das Leben, ihr Sohn ist im Kampf gegen die Deutschen gefallen.

Otfried Preußler hat, abgesehen von den erwähnten Skizzen, über seine Zeit in Krieg und Gulag nichts veröffentlicht. Er schreibe für Kinder, darum habe er seine aufgeschriebenen Erlebnisse nicht publiziert. "Aber das bekommt vorläufig niemand zu sehen", so Preußler. "Erst wenn ich tot bin."

 

Vielleicht aber, möchte man mutmaßen, haben wir es in anderer Form, der,in der der konservativ geprägte Preußler, ein Mann mit vielen Traumata, es uns erzählen konnte – indirekt, doch eindringlich, unaufdringlich doch zwingend - doch schon zu Lebzeiten zu sehen bekommen.

Vielleicht ist sein Opus Magnum unter diesem Blickwinkel ganz neu zu lesen, zu verstehen - und neu zu würdigen.

1958 kam Preußler in der Internationalen Jugendbibliothek in München erstmals wieder als Erwachsener in Kontakt mit dem Krabat-Stoff, von dem er schon als Elfjähriger gehört hatte, nämlich über den seinerzeit neu übersetzten Bildband „Mistr Krabat“ von Martin Nowak-Neumann – und dieser leitete Preußlers eigene Faszination an der Geschichte ein und auch einen Arbeitsprozess, der in mehreren Anläufen scheiterte, uns als verzweifeltes „Nebenprodukt“ den Räuber Hotzenplotz brachte, der zu Preußlers Erholung wurde, und der erst mit der Publikation 1971 endete.


Auf dieses Buch stieß Preußler 1958 in  München



Mehr über die Arbeit beschreibt Preussler hier: https://www.yumpu.com/de/document/read/17394715/otfried-preussler-krabat-zehn-jahre-arbeit-thienemann-verlag

Und wen man nun, so wie Elisabeth Wolfgruber in ihrer glänzenden Diplomarbeit (https://docplayer.org/60645783-Diplomarbeit-titel-der-diplomarbeit-autobiographische-elemente-in-otfried-preusslers-krabat-verfasst-von-elisabeth-wolfsgruber-ba.html) unter diesem Blickwinkel einen Blick auf den Roman wirft, der so, unter Schmerzen, entstanden war, dann, fallen einem manche Bezüge wie die Schuppen von den Augen:


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In dieser Mühle, in der Krabat bei Preußler volle 3 Jahre verbringt, wovon das erste für 3 zählt, kreiert Otfried Preußler, vormals Syrowatka, in der sagenhaften Verkleidung sowohl eine metaphorische Allegorie eines faschistischen Systems, als auch eine verfremdete Abbildung eines Lageralltags.


  • Das faschistische System skizziert Preußler, hat man den Vorgang einmal durchschaut, in überraschender Deutlichkeit: 

Wir haben einen klassischen Führerkult an dessen unmittelbarer Spitze der Gevatter, in mittelbarer der Meister steht. Ein Meister der - nur bei Otfried Preußler - einäugig ist und gelegentlich die Peitsche schwingt....


  • ....und auch in dieser spezifischen Ausgestaltung tut sich ein biographischer Bezug auf:

Man kann darin einen fernen, wenn auch verdüsterten Abglanz des nordischen Gottes Odins sehen, der ein Auge gegen Weisheit tauschte, vielleicht aber auch eine Reminiszenz an **einen die Reitpeitsche schwingenden Einäugigen, dem Preußler in russischer Kriegsgefangenschaft begegnete und den er die „mit Abstand übelste Figur“ nennt, „die wir im Lazarett zu ertragen hatten“. **

(Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/blick-in-otfried-preusslers-nachlass-neues-von-krabat-17467847-p6.html)

Der - nur bei Preußler - einäugige Meister in der Schwarzen Schule



Dieser Meister hat absolute Gewalt über die Mühlknappen, sie sind ihm verfallen, er weiss was sie denken, sogar was sie träumen, er kann sie verwandeln, herrscht über die Mühle (und verweigert z.B. dem Scholta in „Schnee auf den Saaten“ im Namen der Mühle die Hilfe) er alleine entscheidet auch über Leben und Tod, er ideologisiert die Knappen. Er herrscht über die geheime Bruderschaft, verlangt und erhält absoluten Gehorsam.


  • Eine absolute Hierarchie der Ränge wie im Totalitarismus...


(Lehrjunge, Knappe, Altgesell, Meister, Gevatter), wobei die letzen Ränge nur durch Willkürakte erreichbar sind, finden wir ebenso vor, wie klassische Elemente ideologischer Indoktrination (allfreitaglich in der schwarzen Kammer), den klassischen der Führung nahestehenden Denunzinaten (Lyschko), die massive Verlockung durch die Macht (Die Verheißung der Zauberkunst, die sogar „über Kaiser und Könige Macht verleiht“, das Angebot des Meisters an Krabat ihn zu seinem Nachfolger zu machen und Macht über Leben und Tod zu geben). 




  • Wir finden aufbegehrende Mitläufer (Tonda, Michal) die mit dem Tode dafür bezahlen werden und in Pumphutt, sogar einen waschechten Widerstandskämpfer von außen. 


Es finden sich ferner...

  • ...eine spätere geheime Widerstandszelle (Krabat und Juro die gegen den Führer konspirieren), 
  • ein heidnischer mit stark ritualisierten Zeremonien konstituierter Geheimbund (Die geheime Bruderschaft die man als Spiegelung von gemeinschaftsstiftenden Riten zur Zeit des NS-Regimes lesen kann, z.B. der Jugendweihe, dem Tragen des Totenkopfrings und anderer Requisiten oder die Fackelzüge) 
  • und die für den NS-Staat übliche Nibelungetreue seiner Anhänger (Der Adler des Sultans)

  • Auch die schuldhafte Verstrickung der Knappen in furchtbare Verbrechen die verdrängt werden…

...das Geheimnis des siebten Mahlganges, des „Toten Ganges“ als Symbolismus für einen Völkermord – und vielleicht auch deshalb der dem Judenstern optisch ähnelnde Drudenfuß auf der Stirn der Knappen, den diese, wie eine Schuld, herunterschwitzen müssen?


"Neugierig stieg er die hölzernen Staffeln zur Bühne hinauf, von der aus das Mahlgut sackweise in die trichterförmige Schütte gekippt wird, aus der es dann über den Rüttelschuh zwischen die Steine läuft.

Beim Einkippen läßt es sich nie vermeiden, daß Körner danebenfallen - nur lag kein Getreide unter der Schütte, wie Krabat erwartet hatte. Was da verstreut auf der Bühne umherlag und auf den ersten Blick aussah wie Kieselsteine: beim zweiten zeigte sich's, daß es Zähne waren - Zähne und Knochensplitter.

Entsetzen packte den Jungen, er wollte schreien und brachte doch keinen Laut aus der Kehle. Plötzlich stand Tonda hinter ihm. Krabat mußte ihn überhört haben. Nun ergriff er die Hand des Jungen. »Was suchst du da oben, Krabat? Komm runter, bevor dich der Meister erwischt - **und vergiß, was du hier gesehen hast. **Hörst du mich, Krabat - vergiß es!«

 

Dies alles im Schatten der Mühle, die da liegt „in den Schnee geduckt, dunkel, bedrohlich, ein mächtiges, böses Tier, das auf Beute lauert“, ihres wuchtigen Mühlrades, dessen Achsen, man so man wollte, mit ein paar rechten Winkeln leicht zu einer riesigen Swastika ergänzen könnte.




  • Dann wiederum die Merkmale der Gefangenschaft: 

Der Kontakt zur Außenwelt ist spärlich und begrenzt, nie darf einer alleine die Mühle verlassen. Fluchtversuche (Krabat, Merten) ob im Wachen oder im Traum erweisen sich als sinnlos, werden vereitelt und schwer bestraft. 


  • Dazu die unverhohlenen Anspielungen auf den Krieg, 

den Schwedenkrieg der durchaus als Bild für den zweiten Weltkrieg stehen kann (im Militärüberdruss der Knappen im schwankhaften Kapitel „Feldmusik“, oder dem Kriegsrat in Dresden während dem der Meister den Kurfürsten zum Durchhalten im Krieg bewegt). 

Immer mehr der Mühlknappen sterben und landen in der verschneiten Begräbnisstelle, dem „Wüsten Plan“ und die, die Nachrücken, wie die Pimpfe in „Die Brücke“, die neuen Lehrlinge, werden von Jahr zu Jahr jünger….ein Bild für das Verheizen der Kindersoldaten?


Die berühmte englische Übersetzung von Anthea Bell litt unter 
ihrem, für US-Verhältnisse, ungünstigen Titel


Besonders auffällig sind die extrem sprachmächtigen und vielschichtigen Beschreibungen der harten Winter im Koselbruch – Preußler scheint alles zu wissen über eingeschneite Häuser, vereiste Rinnen, gefrorene Böden, sterbende Saaten, den eisigen Wind, wie der Schnee eine unbekannte Gegend völlig unkenntlich macht und einebnet, das Aussehen des Mondes im Schneegestöber….diese Dinge wirken, als stammten sie aus direkt erlebter eigener Erfahrung. Und tatsächlich: Jelabuga, wo Preußler lange gefangen war,war berüchtigt für seine fürchterlichen Winter.

Und dann ist da noch die Rettung Krabats, in der Preußler stark von der Sagenvorlage abweicht, in der der Junge von seiner Mutter erlöst wird.


Die Kantorka mit dem Raben Krabat


In Preußlers Roman, ist es die Kantorka die Krabat rettet, das Mädchen das er liebt, nach dem er sich in der unerreichbaren Ferne Schwarzkollms sehnt, so wie Preußler sich in der Kriegsgefangenschaft nach seiner Annelies Kind sehnte, die er später weit entfernt in Rosenheim wiederfand, und gerettet wird er von ihr, durch Erlösung aus den gelebten 5 Jahren Mühle, so wie der junge Preußler aus 5-Jahren Haft in Gefangenlagern erlöst wurde, von einer unbekannten Ärztin, einer jungen russischen Jüdin, die seine Entlassung durchsetzte als er nur noch 40 Kilo wog, und deren Namen er nie erfuhr….so wie auch Krabats Kantorka im Roman keinen Namen hat.


Otfried Preußler  nach dem zweiten Weltkrieg mit seiner Verlobten Annelies, die, vermutlich,
eine von zwei Vorlagen für die Figur der Kantorka wurde.


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Nun ist ein Autor keinesfalls, schon gar nicht eins zu eins, identisch mit einer Figur seines Romans, aber sein Leben, seine Biographie, sein Erfahrungsschatz, sind doch auch immer das Material mit dem er, wie unbewusst auch immer, arbeitet, das Reservoir aus dem er schöpft.




Und unter dieser Prämisse bestätigt sich die These dieser Überlegungen: Ja, Krabat IST in der Tat das „Lied von der Freiheit eines Menschen“, eines Menschen der vom Faschismus, von der Verlockungen der Macht, verführt, in Gefangenschaft und Todesgefahr gebracht aber gerade noch rechtzeitig erweckt, gewarnt und gerettet worden ist, der seine Individualität im Totalitarismus wiedererkämpft, und in diesem Sinne ist „Krabat“ ohne jeden Zweifel ein ganz und gar antifaschistisches Buch.




Vielleicht das persönlichste das er je geschrieben hat.


„Während sie auf die Häuser zuschritten, fing es zu schneien an, leicht und in feinen Flocken, wie Mehl, das aus einem großen Sieb auf sie niederfiel.“

 



EINE GEKÜRZTE LESUNG VON „KRABAT“ DURCH DEN AUTOR SELBST FINDET SICH HIER:


Krabat, das erste Jahr:



Krabat, das 2. Jahr




 Krabat, das 3. Jahr