Der Titel dieses Blogs spielt natürlich auf das berühmte Magazin "Cahiers Du Cinema" (Notizen zum Kino) an, dessen Filmkritiker Francois Truffaut und Claude Chabrol später Regisseure und Wegbereiter eines neuen französischen Kinos wurden.
Dennoch ist dies kein arthouse Blog. Es ist ein Blog über die Liebe zum Film. Gute Filme. Und sehr schlechte. Egal woher sie stammen. Egal wie sie zu klassifizieren sind.

Sonntag, 14. Juni 2026

BEHIND THE MIC : Rettet die deutsche Synchronbranche !







Nachstehender Artikel basiert auf einem Posting das urspruenglich in der FB-Gruppe "Auf die Ohren" erschien.




Hoerspiel- und Synchronsprecherlegende SANTIAGO ZIESMER lehnt einen neuen Netflix-Deal fuer eine Synchronisation von Steve Buscemi, dessen Stammsprecher er ist, ab - weil seine Stimme ohne Verguetung fuer KI Traninigszwecke eingesetzt werden soll.




Ich zolle ihm an dieser Stelle ausdruecklich grossen Respekt dafuer.





Ich begegnete dem grossen Santiago Ziesmer zuerst als ich ein Kind war ueber die Hoerspiele....ueber seine Rolle als Felix der Goldarbeiter in "Das Wirtshaus im Spessart" (1974) und als Kalle Blomquist in Kurt Vethakes Hoerspielremake von 1973. Spaeter dann hoerte ich ihn natuerlich, wie die meisten anderen, auf Jaleel White als Steve Urkel in "Alle unter einem Dach" und, noch etwas spaeter, als Spongebob Schwammkopf.

Weiterhin brillierte er, nochmals wesentlich spaeter, in einer Staffel von Ivar Leon Mengers grandiosem Hoerspielmeisterwerk "Monster 1983" als abgruendiger paedophiler Zugreisender.

Kurz nach ihm, lehnte auch Martin Umbach, der deutsche Sprecher von Russell Crowe und George Clooney, einen aehnlichen Deal durch Netflix ebenfalls oeffentlich ab.



Es ist wichtig die deutsche Synchronbranche als eigenstaendige Kunstform zu erhalten. Die deutschen Synchros, oft von glaenzend ausgebildeten, hochkaraetigen Schauspielern gesprochen, sind mit die besten der Welt. In manchen Faellen sind die deutschen Sprachfassungen dem Original sogar deutlich ueberlegen - wer jemals gehoert hat, was Elmar Wepper aus den Darstellungen Mel Gibsons sprecherisch herausgeholt hat, weiss was ich meine.

Man denke auch beispielsweise an die sensationell besetzte 1973er Original-Kinosynchro von "Der Exorzist", mit Dieter Borsche als Merrin, Michael Degen als Karras, Agnes Fink als Chris MacNeil, Arnold Marquis als Lt. Kinderman und Hanne Wieder als Stimme des Daemons in der Dialogregie von Bernhard Wicki (!) - bei solchen hoechstklassigen Synchronisationen muss man von einem bedeutenden Kunstwerk an und in sich sprechen.

 



Ueber diese Synchronsiation habe ich in diesem Blog bereits ausfuehrlich geschrieben, insofern sei es gestattet, dass ich mich hier selbst zitiere:




Selbst in Deutschland schien man sich, als die Synchronfassung entstand, absolut bewusst zu sein, dass man es hier mit einem ganz besonderen Werk zu tun hatte. Damals befand sich die Synchronkunst noch in einem ganz anderen Zeitalter, da wurden – heute unvorstellbar – Ensembleszenen mit so viel Zeit wie nötig mit allen nötigen Mitgliedern des Ensembles vor den Mikrofonen aufgenommen, statt, wie heute, einzelne Tonspuren zusammenzumischen. Nicht von ungefähr galten die deutschen Synchronisationen in den 60er, 70er und 80er Jahren als die mit Abstand besten weltweit.

Für Der Exorzist aber ging man 1973 noch einen ganzen Schritt weiter.
Theaterstars wie Agnes Fink, Michael Degen und der große Dieter Borsche (einer Mehrheit vermutlich nur bekannt als vertrottelter Salon-Brite Sir David Lindsay aus den Orientabenteuern von Karl May, an der Seite von Lex Barker als Kara Ben Nemsi und Ralf Wolter als Hadschi Halef Omar; auf der Bühne aber war er schon seit den 50igern ein Titan. Wer ihn als Pius XII. in „Der Stellvertreter“ erlebt hat, weiß genau was ich meine) die eigentlich nicht im Synchronbereich arbeiteten wurden mit den besten Synchronprofis gekoppelt, die es damals gab, wie Charles Regnier und der deutschen Stimme Bud Spencers , Arnold Marquis. Herausragend die Leistung von Hanne Wieder (kennen die meisten als grüngesichtiges Räuberinnen-Gespenst aus Das Spukschloss im Spessart, 1960) als Stimme des Dämons – sie ist auf dem Niveau von Mercedes McCambridge. Diese ungemein aufwendig erstellte Synchronfassung wurde auch nicht von irgendeinem Dialogregisseur inszeniert, sondern, enorm ungewöhnlich, von niemand geringerem als dem mehrfach oscarnominierten deutschen Meisterregisseur Bernhard Wicki („Die Brücke“ 1959, „Das Spinnennetz“ 1989).



Daher sei an dieser Stelle auch ausdrücklich vom 2000er Directors Cut von Der Exorzist abgeraten.


Zum Einen wurde der Film, um 10 Minuten mehr an Material einfügen und ihn für heutige Tonsysteme maßschneidern zu können, neu synchronisiert. Und obschon man sich dabei Mühe gab, vermisst man, so man Der Exorzist auf Deutsch sehen will, ständig die grandiose Kinosynchronisation, der die Patina des Künstlichen, im Gegensatz zur Neufassung komplett fehlt.






Unterschiede in Synchronisationen, bei selbem Text, erzaehlen eine beredte Geschichte darueber, wie hoch der kuenstlerische (und damit menschliche) Faktor einzuschaetzen ist. Der Qualitaetsunterschied ist, im genannten Beispiel, ebenso deutlich hoerbar, wie bei den verschiedenen Synchronfassungen von “Der Weisse Hai”. Nicht nur sitzt, auch in diesem Film, die Kinosynchronisation von 1975 besser, mit Hansjoerg Felmy auf Roy Scheider (Chief Brody) und Norbert Gescher, dessen Stammsprecher, auf Richard Dreyfuss (Matt Hooper), statt Randolf “McCoy” Kronberg (Scheider) und Axel Malzacher (Dreyfuss); sondern auch die anderen Sprecher , wie die deutsche Stimme von Rock Hudson und Sean Connery, Gerd Guenther Hoffman auf Murray Hamilton als Buergermeister oder Michael Chevalier, die Standardstimme von Charles Bronson und Omar Sharif, auf  Robert Shaw als Quint, eroeffnen Klangwelten die bis in die 60-Jahre zurueckreichen. 

Die Originalsynchro traegt die Patina, das Flair, die Ausstrahlung von 1975 in sich. Die neue Translation hat denselben Wortlaut, aber ohne den originalen Klangraum und - trotz guter Leistungen – ohne die sprecherische Klasse der alten Theater- und Rundfunkhaudegen, die besser trainiert waren, daher auch genauer und exakter auf den Punkt trafen.






Und es gibt noch etwas Anderes, das echte Kuenstler hinter dem Mikrofon, ob sie nun Hansi Joachmann (Jodie Foster), Dagmar Dempe (Meryl Streep), Friedrich Schoenfelder (Rex Harrison), Regina Lemnitz (Kathy Bates) oder Andreas Froehlich (Andy Serkis als Gollum, Edward Norton) heissen, jedem KI Programm voraus haben: 

KI kann nicht denken, sie hat kein Bewusstsein. Sie rechnet, aber versteht nicht inhaltlich was sie rechnet. Sie weiß nicht, dass sie in einem Kontext, in einer bestimmten Szene, innerhalb einer bestimmten inneren Spannung und an einem bestimmten Punkt eines dramatischen Konstrukts agiert, sie begreift auch nicht ihre Interaktion mit anderen Stimmen, Sinn und Inhalt der Kommunikation. Die menschliche Ebene zwischen Originaldarsteller und Originaldarsteller, Sprecher und Sprecher, Figur und Figur – sie verschwindet spurlos. Ersatzlos.

Schauspieler, Synchronsprecher, koennen und wissen alles das, sie sind daher in der Lage Untertoene, Doppeldeutigkeiten und Ambivalenzen ueber ihr Handwerk einfliessen zu lassen, der Szene, dem dramatischen Bogen der Handlung, dem Sinn und Kontext eines Dialogs Rechnung zu tragen, sie verstehen – vor allen Dingen – die Figur die sie spielen (und WISSEN, das sie sie spielen) , deren Absichten, Motivation und Konflikte. Sie verstehen auch, in voller Breite des menschlichen Wahrnehmungsspektrums, die Originaldarstellung die sie kuenstlerisch uebertragen sollen, den Prozess, die Technik und das Handwerk des Darstellers den sie sprechen. Sie verstehen nicht nur an der Oberflaeche das was, sondern auch in der Tiefe das wie und das warum.

Sie transportieren, in Computertermini gesprochen, ein massives Mehr an Informationen, an Daten, an Reichtum der Darstellung, das in einer KI Uebertragung unwiderbringlich verloren geht.

KI kann nur imitieren.

Nicht verstehen.

Sie kann aus dem Baukasten des Vorhandenen neuarrangieren. Sie kann nicht aus sich selbst heraus Neues , nicht Dagewesenes schaffen. Die Exkatheit von Intonation, von Sprecherleistungen, die eben auch darin besteht, einen Gefuehlsbalauf zu reimaginieren, darin wie man was, wo, wann, wie lange, mit welchem Subtext betont, wo man Zoegerer oder Pausen einbaut, dehnt oder kuerzt, wo man atmet oder nicht atmet, wie stark das innere Erleben, der innere Film des Sprechers die stimmliche Gestaltung subkutan beeinflusst. Alles das kann KI nicht aus sich heraus, weil es aus dem Moment heraus entsteht, wenn das Koennen des Schauspielers, sein Wissen, sein Know-How und sein Instinkt improvisativ auf die gespielte Vorlage treffen und sich, funkenspruehend, so zu einem neuen Ganzen fuegen, das es vorher nicht gegeben hat.


Synchronbesetzung von "Urteil von Nuernberg", 1961, Dialogbuch und -regie: Josef Wolf




Grosse Synchronsprecher erschliessen die sprachliche Leistung eines fremdsprachigen Kollegen fuer ein Publikum aus einem anderen Sprachraum, manchmal in vergleichbarer Qualitaet, manchmal schwaecher, gelegentlich sogar in kuenstlerisch deutlich besserer Qualitaet. Aber, in jedem Fall, als eigenstaendigen schoepferischen Akt, der sehr viel Koennen verlangt.

Die Groessten von Ihnen treffen unser emotionales Zentrum so sehr, dass ihr Stimme, fuer uns unterbewusst, zu einem Teil des Schauspielers wird, den sie sprechen. Wenn wir heute Gerd Martienzen hoeren, ist es unmoeglich dabei nicht Louis De Funes vor sich zu sehen. Wenn wir Herbert Weicker hoeren, sehen wir Spock vor uns, gespielt von Leonard Nimoy; hoeren wir Martin Hirthe erscheint vor dem inneren Auge – in egal welcher Rolle – Gregory Peck, bei Thomas Danneberg sehen wir wahlweise Terrence Hill oder den jungen Schwarzenegger, vielleicht auch noch Douglas Barr als Howie Munson in “Ein Colt fuer alle Faelle”. Und wenn wir Arnold Marquis hoeren, dann sehen wir, ob wir wollen oder nicht, John Wayne reiten.



Die eine Ausnahme, in der KI mir einsetzbar erscheint, ist in Faellen wie der akustischen Wiederauferstehung Hans Clarins fuer “Neue Geschichten vom Pumuckl” - denn hier agiert die KI nicht alleine, sie liefert nicht den kuenstlerischen Anteil an der Voice-Over-Performance des unsterblichen Kobolds. Er wird gespielt von Maxi Schaffroth, mit voller kuenstlerischer Eigenleistung unter zusaetzlicher Beruecksichtigung der Eigenheiten in Clarins-Urdarstellung. Schaffroths Darstellung wird dann via KI so umgewandelt, dass das, was er gespielt hat, wie Hans Clarin klingt. Da Schaffroth das herausragend macht, die KI klanglich nahe herankommt, ist das Ergebnis dann auch sehr ueberzeugend.



Aber komplette Filme oder Serien einfach durch KI automatisiert uebersetzen, also aus dem Setzkasten des Vorhandenen nach der statistischen Wahrscheinlichkeit von Klaengen und Wortkombinationen ohne Bewusstsein zusammenkopieren zu lassen – dieser Ansatz ist hochgradig zerstoerisch.

Totes Imitat ersetzt nicht echtes Erleben.

Und spaetestens, wenn man an eine Produktion, wie “Die Zwei” geraet, die nur durch ein extrem kreatives Dialogbuch, dass mehr als frei improvisierte, und herausragende Sprecherleistungen in denen es Rainer Brandt und Lothar Blumhagen artistisch gelang, Tony Curtis und Roger Moore Texte lippensynchron in den Mund zu legen, die sie nie gesprochen hatten, gerettet werden koennte, wird KI scheitern.

Das innere Erleben eines Menschen, seine Seelenwelten, kann nur ein anderer Mensch, ein Schauspieler der dafuer ausgebildet ist, nachgestalten. Eine statistische Maschine kann hier nur Zeugnis ueber ihre eigenen Schranken ablegen.


KI HAL 9000 aus "2001 - Odyssee im Weltall" 


Und denjenigen, die sich so etwas wuenschen, weil sie darstellerische Leistungen ohnehin nicht in ihren Feinheiten erfassen koennen oder wollen, empfehle ich an dieser Stelle eher einen anderen Weg: Man kann naemlich Filme und Serien auch im Original mit Untertiteln kucken. Natuerlich, wer zu faul ist, sich mit der realen Darstellung eines realen Menschen in der Tiefe auseinanderzusetzen, wem die statistische Masturbation eines Programms, das weder weiss dass es selbst, noch der Originalschauspieler, noch der Zuschauer existiert, genuegt, der ist im Zweifel auch zu faul um Untertitel zu lesen.


KI wird menschliche Sprecher niemals ersetzen koennen. Und sie sollte auch nie den Versuch unternehmen duerfen.

Uebrigens: Die beruehmteste KI der Filmgeschichte, der Boardcomputer HAL-9000 aus Kubricks "2001 - Odyssee im Weltall", bietet ironischerweise eine der groessten Synchronleistungen der Geschichte. 
Gesprochen wurde HAL 9000 von Peter Schiff. In "Wirtshaus im Spessart" dem Hoerspiel in dem mir Santiago Ziesmer erstmals begegnet ist, war er der Erzaehler.








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