Der Titel dieses Blogs spielt natürlich auf das berühmte Magazin "Cahiers Du Cinema" (Notizen zum Kino) an, dessen Filmkritiker Francois Truffaut und Claude Chabrol später Regisseure und Wegbereiter eines neuen französischen Kinos wurden.
Dennoch ist dies kein arthouse Blog. Es ist ein Blog über die Liebe zum Film. Gute Filme. Und sehr schlechte. Egal woher sie stammen. Egal wie sie zu klassifizieren sind.

Samstag, 10. Februar 2018

DAS GEWISSEN EINES EINZELNEN: „WER DIE NACHTIGALL STÖRT“ (1962) – TEIL 2



Gewidmet der Gruppe "Wir brauchen den Widerstand gegen Rechts"



TEIL 2: SCENES FROM MAYCOMB



Tribute - Clip von Hannah Benneman



Stellte sich also, bevor die erste Klappe fallen konnte, noch die alles Entscheidende Frage:
Wo konnte man den Film drehen?

Natürlich war der erste Gedanke, an Originalschauplätzen im Süden, vielleicht sogar in Monroeville zu drehen. Chefdesigner Henry Bumstead, der das Produktionsdesign zusammen mit Alexander Golitzen und Oliver Emert kreieren würde – das Team hatte bereits bei „Ein charmanter Hochstapler“ im Jahr zuvor mit Robert Mulligan zusammengearbeitet – reiste also gen Süden um sich mit Harper Lee zu treffen, die Architektur zu studieren und fotografieren und auch Lee's alte Fotoalben zu durchforsten. Welche Eindrücke er dabei gewann, ist einem Brief zu entnehmen, den er im November 1961 an Alan Pakula schrieb, und der uns hier im Wortlaut erhalten ist:






Harper Lee mit Produktionsdesigner Henry Bumstead
Schnell zeigte sich das wesentliche Problem. Nicht nur wäre es aus rein politischen Gründen extrem gewagt gewesen im Süden zu drehen, es wäre auch unmöglich gewesen dort die dreißiger Jahre wiederauferstehen zu lassen. In den drei vergangen Jahrzehnten hatten sich die Kleinstädte im Süden rein baulich so drastisch verändert, dass es keine Chance gab dort ein passendes Double für das fiktive Maycomb zu finden, in dem nicht an unpassender Stelle eine moderne Tankstelle oder ein Supermarkt ins Bild ragte. Auch die spezielle Bauweise der Häuser der Dreißiger wurde nicht mehr gepflegt. 

So blieb dem Ausstatter – Team nur Eines: In einem Gewaltakt bauten sie die relevanten Straßenzüge in unfassbarer Genauigkeit und Detailtreue auf dem Studiogelände von Universal Pictures künstlich nach – die spezifischen Veranden und Häuserfassaden, staubige Straßen ohne Belag, sogar die spezifische Pflanzen- und Baumwelt des Südens. Insgesamt wurden 30 Gebäude errichtet, für ein Budget von 225 000 Dollar.

JEDE Außenaufnahme des Films ist Off Location auf einem Studio Lot in absoluter Perfektion rekreiert, so lebensecht, dass man heilige Eide schwören würde, das alles sei in einem von der Zeit vergessen Städtchen in Alabama aufgenommen, und nicht mitten in der Millionenmetropole Los Angeles. Das Team ging zu diesem Zweck soweit, sogar eine ganze Häuserzeile der Dreißiger aus dem Süden, die dort abgerissen werden sollte, aufzukaufen, Stein für Stein und Brett für Brett ab- und in Hollywood wieder aufzubauen. So entstand die Hauptstraße des verträumten Maycomb in Maycomb County, Alabama. Auch in der Innenausstattung leistete das erfahrene Team Überragendes. Nicht nur in der Innengestaltung der Häuser, sondern besonders auch bei der Gerichtssaal-Kulisse.


Original - Produktionszeichnungen
Henry Bumstead, Oliver Emert und Alexander Golitzen gelang es den vollständigen Gerichtssaal von Monroeville – denselben Gerichtssaal in dem die kleine Nelle Harper Lee ihren Vater dabei beobachtet hatte, wie er verzweifelt um das Leben seiner schwarzen Mandanten kämpfte; ein Gerichtssaal der 1962 noch in Betrieb war und für die Dreharbeiten nicht lange genug abgesperrt werden konnte – anhand zahlloser Fotos und Messungen im Maßstab eins zu eins komplett im Studio nachzubauen. Und dies in solcher Vollkommenheit, dass zum wirklichen Gebäude, es existiert noch immer im Originalzustand in Monroeville und wird heute noch genutzt, kein Unterschied feststellbar ist.

Die Produktionsdesigner hatten nicht mehr und nicht weniger erreicht als, für einen bestimmten Augenblick der Zeitgeschichte und zu einem bestimmten Zweck, eine untergegangene Welt wiederauferstehen zu lassen.



Dasselbe gelang Horton Foote in seinem in jeder Hinsicht bemerkenswerten Drehbuch, in dem er das Geschehen auf genialische Weise verdichtete ohne den Wesenskern der Vorlage oder der Figuren anzutasten. Unfassbar liebevoll und vorsichtig als hantierte er mit etwas Zerbrechlichem, oder legte, wie ein Archäologe vorsichtig mit einem Pinsel ein Pharaonengrab frei, ging er mit dem Ursprungsmaterial um und transportierte es so unbeschadet in ein anderes Medium.






Drehbuch - Studien
Entscheidend, so Foote, sei für ihn der Vorschlag Alan J. Pakulas gewesen, die Handlung der drei Jahre des Romans auf ein einziges Jahr im Wechsel der Jahreszeiten zusammenziehen – das habe ihm einen Weg aufgeschlüsselt. Er entfernte komplett die Nebenhandlungen von Scouts erstem Schulbesuch (mit Ausnahme einiger weniger Szenen die später geschnitten wurden und heute verschollen sind), von der späten Heilung der Mrs. Dubose (obwohl auch diese zunächst gedreht worden sein müssen), die Weihnachtsepisode auf Finchs Landing, den Brand von Mrs. Maudies Haus sowie viele kleinere Episödchen und fokussierte auf die zwei Haupthandlungsstränge des Buches: Die Tom Robinson Geschichte, die im Gerichtsprozess gipfelt, und die in der Kinderwelt wurzelnde, geheimnisvolle Boo-Radley-Story die sie umklammert (So spiegelt er die Kreisstruktur des Romans). Die Nebenfiguren Jack Finch und Auntie Alexandra montierte er komplett aus der Handlung heraus. An einigen wenigen Stellen arbeitete er mit einem Voice Over der erwachsenen Jean Louise (besonders Einleitung und Schluss), gesprochen von Kim Stanley und übertrug so die Erzählperspektive des Romans in den Film. Der kindliche Blickwinkel auf die Dinge wurde in seinem Skript ungeheuer stringent beibehalten. Viele Details und prägende Elemente aus den weggefallenen Teilen integrierte er in anderer Form in die vorhandene Haupthandlung, so dass die Textur des Gestrichenen nicht völlig verschwand. Die ganzen ersten zwanzig Minuten in denen er, während er einen Feriennachmittag der Kinder zeigt, in geschicktester Verknüpfung bereits, fast leitmotivisch, auf alle Elemente anspielt, die später einmal von Bedeutung sein werden und dabei gleichzeitig Figuren und Setting skizziert, sind ein Traum an Drehbuchhandwerk.


Da Harper Lee ein glänzendes Ohr für die gesprochene Sprache hatte, gerade in den Dialekten, übernahm Foote wo immer es sinnvoll war die Dialoge leicht entschlackt aus der Vorlage – darunter auch das nur leicht gekürzte Schlussplädoyer des Atticus Finch vor Gericht. Exquisit sind die von ihm neu eingebauten Sequenzen, meist als Überleitungen genutzt, die die Handlung erheblich bereichern. Ich denke da besonders an den denkwürdigen Abschnitt in dem die Kinder nachts im Bett, kurz vor dem Einschlafen, miteinander flüstern, und Scout plötzlich den großen Bruder nach ihrer Mutter fragt, an die sie keinerlei Erinnerung mehr hat, und die Kamera dann über das Fenster nach draußen schwenkt, wo ein nachdenklicher Atticus allein im Dunkel auf der Verandaschaukel sitzt. Hat er die beiden gehört? Hat er nicht? Dann die Schritte, als Richter Taylor an ihn herantritt, sich zu ihm setzt und ihm den Tom Robinson-Fall anbietet, den Atticus trotz des ihm angebotenen Auswegs annimmt....wie viel erzählt Horton Foote über diese wenigen, unaufgeregten Momente!
Dabei handelte Foote stets mit einem absoluten Verständnis der Sprache des Films und des Erzählens in Bildern. Dennoch, oder deswegen, ist seine Arbeit nicht nur ein Musterbeispiel für eine Literaturadaption, sie ist perfekt. Selbst in der endgültigen Schnittfassung des Films, nochmals um einige Szenen kürzer als das Skript, hat man niemals das Eindruck dass etwas `fehlt´, obschon man weiß das fast die Hälfte des Buches weggelassen worden ist. Ihm gelang eine Bearbeitung, die so formvollendet ist, den Geist der Vorlage so zart einfängt, dass nicht zuletzt ihretwegen „Wer die Nachtigall stört“ als eine der besten Literaturverfilmungen der Filmgeschichte gilt.
„The beauty of Horton's script is, that it captures the very soul of that book“ würde Alan J. Pakula drei Jahrzehnte später einmal sagen.


Peck holt die kleine Kollegin persönlich in L.A. am Flughafen ab.


Mit fertigem Drehbuch und kompletter Besetzung konnte Anfang Februar 1962 auf dem Studiogelände in Los Angeles, Universal City Plaza 100, unter der Regie von Robert Mulligan die erste Klappe für einen Film fallen, von dem man mit Fug und Recht sagen kann, dass er das Leben all derer verändert hat, die an ihm mitgewirkt haben.
Wir wissen, dank der anekdotenreichen Erzählungen Gregory Pecks sogar, welche Szene als Erste an diesem ersten Drehtag auf dem Drehplan stand.....


Tomboy hoch zwei: Harper Lee mit ihrem filmischen
Alter Ego
Es handelte sich um die Sequenz in der Atticus erstmals auftritt und das Haus verlässt um zu seiner Kanzlei zu gehen, wobei die Kinder ihn ein Stück Weges begleiten. Die Szene wurde gedreht, sie lief, sie war ja nicht weiter anspruchsvoll, völlig natürlich und echt ab, Robert Mulligan rief „Cut und Print!“. Die kurze Szene war bereits nach dem ersten Take im Kasten. Im Bereich hinter der Kamera saß auch Harper Lee, die die ersten drei Wochen der Dreharbeiten noch selbst als Beraterin vor Ort war. Gregory Peck war während des Drehs aus dem Augenwinkel heraus etwas an ihr aufgefallen. Er trat an die Frau, nach der später sein Enkelsohn benannt werden würde, heran. 
„Ich sehe, dass sie geweint haben. Ist alles in Ordnung?“ fragte er.
Lee sah ihn an.
„Jaja. Es ist nur....sie haben dieses kleine Bäuchlein – genau wie mein Dad“
Peck verkniff sich ein Schmunzeln. Mit trockenem Ernst entgegnete er „Das...äh..ist kein Bäuchlein, das ist Schauspielkunst“

Hier ein Interview-Ausschnitt in dem Gregory Peck diese Anekdote wiedergibt, in dieser Variante ohne die Pointe. Sie entstammt einer späteren Gelegenheit, nämlich der Dokumentation „A Conversation With Gregory Peck“:





Gregory Peck mit Harper Lee
Tatsächlich dürfte es wohl nicht nur das Bäuchlein gewesen sein, das Harper Lee so anrührte. Gregory Peck hatte sich auf seine Rolle akribisch vorbereitet. Nicht nur trainierte er sich einen glaubwürdigen Südstaaten-Akzent an und lernte sich so zu bewegen als ob er auf einem Auge fast nicht sehen könnte (Der Atticus des Romans ist auf einem Auge halbblind, was im Drehbuch niemals erwähnt oder angedeutet wird. Peck nutzte es trotzdem), probte intensiv, und besuchte einige Wochen vor Drehbeginn Miss Lee und deren Vater Amasa C. Lee in Monroeville. Die Begegnung mit dem humorvoll-spröden älteren Herrn, der sich immer noch fragte, wie um alles in der Welt sich seine einzelgängerische , burschikose Tochter zu einer Pulitzerpreisträgerin hatte auswachsen können, war sehr herzlich – und prägend. Peck borgte sich diverse Manierismen von dem Mann, der Vorbild seiner Figur gewesen war. Und zwar in einer solchen Genauigkeit, dass es Zuschauer die Amasa Lee persönlich kannten, später im Kino verblüffte, 

An jenem ersten Drehtag sah Lee also nicht nur einen Mann die Straße entlanggehen der dasselbe Bäuchlein hatte wie ihr Vater, sondern der sich auch bewegte und sprach wie ihr Vater. Es war die liebevolle Reminiszenz in Pecks Spiel, die ihr die Tränen in die Augen trieb.

Der erste Keim einer lebenslangen Freundschaft.


Tiefe Hassliebe: Mary Badham und Philip Alford


Nicht ganz so herzlich war die Zusammenarbeit zwischen Mary Badham und Phillip Alford, die heute gut befreundet sind. Zwischen einer rotzfrechen Zehnjährigen und einem pubertierenden 13-Jährigen gab es naturgemäß Spannungen und Konflikte (die wiederum perfekt die Situation der Figuren spiegelten) – Nichts aus Erwachsenenperspektive Ernstes, aber für die Kinder, damals, war das Gestreite todernst - auch wenn nicht alles böse Absicht war:

Wir haben nur die Teile des Drehbuchs bekommen, die wir wissen mussten. Ich war nur ein normales, dummes Kind aus Birmingham, Alabama, aber ich hatte alle Zeilen auswendig gelernt. Wenn jemand bei einer Replik zögerte, eine nachdenkliche Pause spielte, dachte ich, dass sie in Schwierigkeiten steckten, also sagte ich stumm vor. Und sie sagten: "Schnitt. Das kannst du nicht machen, Mary. Wir können das im Film sehen. Es war furchtbar. Phillip wurde so sauer auf mich. Ich wusste es einfach nicht besser.

Auch Schauspieler müssen büffeln....
Er hatte auch allen Grund. Weil seine Filmschwester seinen Text ständig vorsagte (und ihn damit auch aus dem Konzept brachte) und zwar besonders während der Speiseszenen, musste der leidgeprüfte Alford 26-mal hintereinander zu Mittag essen und 22-mal frühstücken. Bestimmte Nahrungsmittel konnte er daraufhin Jahre lang nicht mehr zu sich nehmen.
Die Lösung lag, in ganz kindlicher Logik, klar auf der Hand. Die Scout-Darstellerin musste sterben, damit sie durch ein netteres, einfacheres Kind ersetzt werden konnte. Eines, das nicht dauernd vorsagte.
Die Gelegenheit ergab sich in der Szene, in der Scout im Autoreifen in einem Affenzahn unabsichtlich auf das Radley-Grundstück rollt. Alford und der in den `Mordplan´ eingeweihte John Megna stießen den Reifen an, so fest sie konnten, in der Absicht sich der Kollegin zu entledigen. Aber, so Phillip Alford Jahrzehnte später: „Wir waren zu klein und konnten dem Reifen nicht genug Geschwindigkeit verleihen“
Badham überlebte den hinterhältigen Anschlag.


Kuscheliger Weltstar.
Auch andere Szenen und Begebenheiten beim Dreh waren für die Kinderdarstellerin, die ja keinerlei Schauspielerfahrung hatte, sehr schwierig. Hier ein Beispiel, aus dem Mund von Mary Badham:

In der Szene auf der Verandaschaukel, als Atticus sagt: "Scout, weißt du, was ein Kompromiss ist?" sollte ich weinen, und ich konnte nicht. Ich hatte Spaß. Sie haben alles versucht. Sie nahmen mich mit zur Seite und sagten: "Hast du jemals ein Haustier verloren?" Schließlich schwenkte man eine Zwiebel vor meinen Augen.
Mary Badham beschreibt Robert Mulligan, ebenso wie Brock Peters und Gregory Peck, als einen Meister der Schauspielerführung mit ungeheurem Gespür. Besonderes Augenmerk legte er in der Arbeit mit den Kindern darauf, dass sie den Druck des Drehs nie spürten und sie niemals in die Verlegenheit kamen ihre Natürlichkeit und Spontaneität zu verlieren. Er legte großen Wert darauf, dass die Grenze zwischen Spiel und konzentrierter Arbeit für sie absolut fließend war:


Bob Mulligan mit Mary Badham und Gregory Peck.
Am Set zu sein, war ein einziges großes Spiel. Wir hatten Spaß. Phillip sagt, wir hätten die ganze Zeit gekämpft. Ich erinnere mich nicht daran, aber er sagt, wir hätten es getan. Bob Mulligan war einer der besten Regisseure aller Zeiten. Er ging immer in die Hocke um Auge in Auge mit mir zu reden, wie mit einer Erwachsenen. Ich kann mich nicht erinnern, dass er je wie zu Kindern mit uns geredet hat. Er umriss nur kurz die jeweilige Szene für uns: "Die Kamera wird hier sein, du wirst hier sein. Wir werden uns so bewegen. Und dann sagst du deinen Text." Wie ich den Text lieferte, blieb mir überlassen. Ich durfte spontan, ohne Vorbereitung spielen. Ich denke man sieht das auch.

Ja und ob man das sieht.
Mary Badham, Phillip Alford und John Megna liefern drei der besten Kinderdarstellungen des amerikanischen Films überhaupt. Unglaublich natürlich, unverstellt, ungefiltert und ohne jeden Hauch von steriler Künstlichkeit – der der Arbeit mit Kindern im klassischen Hollywood normalerweise anhing. Selbst kleine Holprigkeiten und Imperfektionen wirkten sich da nur positiv aus. Die Kinder tragen weite Teile des Films ganz alleine und so mühelos, dass dem Zuschauer gar nicht wirklich auffällt, dass sie es tun.

Speziell Mary Badham als Scout ragt heraus, sowohl in ihrer Unbefangenheit als auch in der Präzision und Intensität in der sie in den emotionalen Szenen auf Peck reagiert. Wir sprechen von einem Level von Wahrhaftigkeit der für Erwachsene Schauspieler nur sehr schwer und mühselig zu erreichen ist.


Mary Badham, Gregory Peck und Philip Alford bei einer Schachpartie in der Drehpause.
Vorne: Alfords Schwester Eugenia


Dazu trug auch die Bindung bei, die Badham und Alford zu Gregory Peck entwickeln konnten. Peck, der bescheidene Star ohne Allüren, schottete sich nicht im Geringsten ab, sondern ließ Nähe zu.
Schon vor Beginn der Dreharbeiten hatten beide Peck bei sich zu Hause besuchen und mit seinen Kindern spielen dürfen, und er nahm sich, wie auch die Backstage-Aufnahmen eindrucksvoll zeigen, in den Drehpausen immer Zeit für die Kinder, er spielte mit Phillip Alford Schach, ging mit Mary Badham Text durch und alberte mit ihnen herum, ließ sich mit Wasserpistolen von ihnen malträtieren. „Er war unglaublich zugänglich und freundlich“ so Alford.


In einer Drehpause. Als Klammeräffchen: Gregory Pecks Tochter Cecilia
Gregory Pecks Umgang mit Kollegen war stets von Freundlichkeit und bescheidener Zurückhaltung geprägt. Das zeigte sich immer wieder an selbstlosen Gesten, die er aus reiner Freude an der Großzügigkeit tätigte.
So hatte er er zum Beispiel 11 Jahre früher, beim Dreh zu „Ein Herz und eine Krone“ gegen den massiven Widerstand seines eigenen Agenten und der Regie darauf bestanden, dass die noch völlig unbekannte Diplomatentochter Audrey Hepburn, die neben ihm als `runaway princess´ ihr Filmdebüt gab, die Star-Nennung über dem Titel des Films – die ihm vertraglich alleine zugestanden hätte – mit ihm teilen durfte. Seinem Agenten, Mel Tucker hatte er damals augenzwinkernd erklärt: „Das Mädel spielt phantastisch, sie wird einen Oscar gewinnen. Ich werde als `alleiniger Star´ des Films wie ein Idiot aussehen, wenn das passiert“
Sie bekam die Nennung. Und den Oscar.

Auch während „Wer die Nachtigall stört“ gab es mehrere solche Gesten. So klingelte im Haus von Brock Peters, kurz bevor er zu den Dreharbeiten aufbrach, das Telefon. Ihm fiel fast der Hörer aus der Hand, als er hörte, wer dran war: Gregory Peck, der sich persönlich bei ihm vorstellte, für die Mitwirkung bedankte und ihn im Drehteam herzlich willkommen hieß. Es war das erste und einzige Mal in seiner ganzen Karriere, dass Peters von einem berühmten Star so zuvorkommend behandelt wurde.

Trockenprobe für die berühmte Vorleseszene

Brock Peters war in der Darstellung des Tom Robinson exquisit. Zwar hat er nur eine große Sprechszene zu bewältigen, die des Kreuzverhörs, aber er spielt sie so überragend, dass niemand sie vergessen kann, der sie einmal gesehen hat. Unnachgiebig und doch hochsensibel trieb Robert Mulligan, der sich für die Szene ausführlich Zeit nahm weil er das Potential spürte, ihn tagelang immer noch einen Schritt weiter – bis alles aus ihm herausbrach. Er erreichte eine Intensität die Gregory Peck später als „hypnotisch“ beschrieb. Als Peters in der Szene, von der eigenen Imaginationskraft mitgerissen, plötzlich ungeplant anfing zu weinen, musste Peck sich, wie er zugab, mit Gewalt zwingen an ihm vorbei zu blicken um nicht selbst in Tränen auszubrechen. Er konnte ihm nicht in die Augen sehen. So erschütternd war die Darstellung.


Aus der Reihe: Dinge die niemand mag - 
Die  Kostümprobe
Gregory Peck selbst wuchs während der Dreharbeiten in der Rolle des Atticus in einer Weise über sich hinaus, die eine genauere Auseinandersetzung mit ihr erzwingt.

Lange Zeit hatte man, seitens der Kritiker und Zuschauer, den Schauspieler als selbstverständlich hingenommen. Man hatte sich daran gewöhnt dass er verlässlich zur Verfügung stand, eine große Bandbreite abdecken konnte, immer sehr gut aussah, immer exzellent spielte.

Seiner feiner moderner Spielstil, der schon heutigen Gepflogenheiten entsprach, wurde zu Lebzeiten und besonders vor diesem einen Film nicht ausreichend gewürdigt, wie auch Martin Scorsese retrospektiv in einem kleinen Essay anlässlich des 100. Geburtstags von Gregory Peck beschreibt:








So wurde Peck bei Preisverleihungen und Lobeshymnen der Kritiker immer wieder gerne übergangen.
Bei „Wer die Nachtigall stört“ sollte dies nicht mehr möglich sein.


Der Mann im Hintergrund: Atticus Finch (nachcolorierte Abbildung)
Was Alan J. Pakula und Robert Mulligan ahnten, und Peck seit der Lektüre des Buchs gewusst haben muss, trat ein: Er spielte die Rolle seines Lebens. Es war dieser seltene Fall, in dem ein Schauspieler auf eine Figur trifft die genau und speziell nach seinen Fähigkeiten verlangt, der er etwas geben kann was niemand sonst ihr geben kann, und er zugleich instinktiv spürt, dass er mit ihr etwas sagen kann, was er schon sein ganzes Leben lang sagen wollte.
Peck scheint das gewusst zu haben, den er packt alles an schauspielerischem Handwerk aus, das er hat und gießt es in diese eine Darstellung.
Mit ungeheurer Zurückhaltung spielt er seinen Atticus, was der Figur innere Stärke und Gravitas verleiht, man spricht auch von Unterspielen oder „underacting“, und legt dabei gleichzeitig eine rasiermesserscharfe Präzision an den Tag, die verblüfft in ihrer Natürlichkeit. Er spielte es so, weil diese Rolle diese Form von Zurückhaltung verlangte. Weil er wusste dass der Gegensatz aus tiefer Menschlichkeit und einer würdevollen, streng gefassten Oberfläche eine enorme Wirkung erzeugen kann.
Er ist sich voll seiner imposanten Statur bewusst und setzt sie ein; er ist sich voll seiner tiefen Gänsehaut-Stimme bewusst und setzt sie gezielt ein.


Jeder Blick stimmt, jede Geste. Jede Bewegung. Dadurch kann man seiner Figur, die er mit sehr reichen Subtexten füllt, regelrecht beim Denken zusehen, man weiß immer was gerade in ihm vorgeht. Transparenz eben. Diese Mischung aus Reduktion und extremer Genauigkeit ist handwerklich enorm schwer zu spielen, weil es eine extreme Innerlichkeit und einen extremen Fokus verlangt, und weil man im Bruchteil der Sekunde merken würde wenn der Darsteller für einen Augenblick nicht voll in der Rolle ist.
Das braucht sehr viel Erfahrung.


Ich kann an dieser Stelle die Originaldrehbuchseiten zweier Stellen aus Gregory Pecks Manuskript von „Wer die Nachtigall stört“ mit dessen handschriftlichen Notizen, die von der Familie herausgegeben wurden, als Beleg präsentieren, dass es sich hierbei um bewusste Spielentscheidungen gehandelt hat. Bei den Seiten handelt es sich um die Stelle mit dem Schlußplädoyer des Atticus Finch vor Gericht, und um die letzte Drehbuchseite. Peck notierte hier die vier Adjektive, vier wesentlichen Charaktereigenschaften, die für ihn den Kern der Figur ausmachten: Fairness, Sturheit, Courage, Liebe.







Besuch in der Drehpause: Hitchcock der parallel "Die Vögel" drehte besucht
Greg Peck am Set.
Gerne übersieht man auch, in wie vielen menschlich warmen, zarten Farben er das Verhältnis des Atticus zu seinen Kindern zeichnet, und fast jeder übersieht, dass Peck das Schlußplädoyer in einer einzigen Einstellung, ohne jeden Schnitt gespielt hat (hier wurden erst nachträglich Inserts im Schneideraum eingefügt) – fast 7 Minuten am Stück! Das kann heute kaum noch ein Filmschauspieler. Extrem schwer, weil man nicht den geringsten Fehler machen darf und zugleich die Konzentration des Zuschauers ununterbrochen binden muss.
Und Peck brauchte dazu nur diesen einen einzigen Take !

Sein größter Triumph aber ist, dass er traumwandlerisch sicher alle Fallen umgeht die diese Rolle mit sich hätte bringen können – ihn zum „White Saviour“ zu stilisieren, sich in Pathos zu ergehen und im Gutmenschentum dieser Figur zu sonnen. Auch wenn die Figur positivistisch überhöht ist, stattet er sie doch mit so vielen Nuancen aus, verleiht ihr eine solche Wahrhaftigkeit, dass wir, als Zuschauer regelrecht gezwungen sind zu glauben, dass es diesen Menschen geben könnte; mehr noch: Dass es ihn geben muss, irgendwo, unerkannt, in irgendeiner kleinen Stadt.


Bob Mulligan probt auf der Veranda
Der Schauspieler Robert Sean Leonard (bekannt aus „Dr.House“ und „Club der toten Dichter“) der Atticus Finch Jahrzehnte später auf der Bühne spielte, beschreibt Pecks Ansatz für die Vaterfigur Atticus auf diese Weise: 

Einen Witwer in dieser Zeit, der zwei Kinder allein erzieht, umgibt etwas, das einfach anders ist, als die Väter, wie wir sie heute kennen, mit ihren Baseballmützen und ihren Turnschuhen. Er trägt einen dreiteiligen Anzug und trägt Schnürschuhe und zeigt seinen Kindern seine Zweifel nicht. Er will für sie der Fels von Gibraltar sein und so ist es auch im Roman beschrieben, weil das Buch aus der Sicht einer Achtjährigen erzählt ist. Die Aufgabe ist es, diesen Mann so zu zeigen, wie er sich vor 80 Jahren seiner Tochter gegenüber gezeigt hat. Und das hat Peck getan.
Harper Lee war von Pecks völliger Hingabe an die Figur so tief beeindruckt, dass sie ihm, als ihr Vater, Amasa Lee, der ja bereits 83 Jahre alt war, während der Dreharbeiten starb, eines Tages ein Geschenk gab. Es war ein uralte goldene Taschenuhr, die Peck sofort erkannte: Es war die Uhr von Amasa Coleman Lee, mit einer neuen Gravur auf der Rückseite „To Gregory From Harper“. Was für ein Geschenk! In der ihm eigentümlichen Bescheidenheit wollte er das Erbstück zuerst ablehnen, aber Miss Lee bestand darauf, dass er es behielt. Bei der Oscarverleihung 1963 würde er diese Uhr als Glücksbringer in seiner Westentasche tragen. Jahre später, als Harper Lee schon keine Interviews mehr gab, wurde sie in einer handschriftlich verfassten Begleitnotiz für eine DVD Jubiläumsauflage noch deutlicher. Sie schrieb:

Geburtstag während des Drehs: Bob Mulligan, Gregory Peck, Veronique
Peck und Alan J. Pakula
Als ich erfuhr, dass Gregory Peck Atticus Finch in der Verfilmung von „Wer die Nachtigall stört“ spielen sollte, war ich natürlich erfreut: Hier war ein toller Schauspieler, der großartige Filme gemacht hat - was könnte ein Schriftsteller mehr verlangen?....Die Jahre haben mir sein Geheimnis verraten: Als er Atticus Finch gespielt hat, hat er sich selbst gespielt, und die Zeit hat uns allen noch etwas mehr erzählt: als er sich selbst gespielt hat, hat er die Welt berührt.

Aber am vielleicht Treffendsten hat eine Youtube- Kommentatorin namens Hallie Harker Pecks Leistung erfasst und beschrieben, die sich unter einem Tribute-Video so geäußert hat:

Ich habe schon immer gefunden, dass Gregory Pecks Atticus Finch eine der zurückhaltendsten Rollen der Filmgeschichte ist. Es ist eine Darstellung in den Schatten. Peck spielt im Schatten und lässt die Kinder die Geschichte erzählen. Und so sollte es auch sein. Aber es braucht einen großen Schauspieler um eine Rolle, die im Schatten steht, so strahlen zu lassen, wie er es getan hat. Für mich IST er Atticus Finch.

Gregory Pecks Darstellung des Atticus Finch sollte als eine der großen schauspielerischen Leistungen der 60er Jahre in die Filmgeschichte eingehen.

Kamerafrau Scout !


Mary Badham mit Robert Mulligan


Dank der Erzählungen von Mary Badham, können wir heute nicht nur den ersten Drehtag des „principal shootings“ dieses Klassikers rekonstruieren, sondern auch den Letzten.
Es war der 3. Mai 1962.

Auf dem Plan stand jene – heute berühmte – Szene in der Atticus nachts vor dem Gefängnis von Maycomb einem Lynchmob trotzt, und die Situation sich schlagartig auflädt, weil die Kinder, die sich heimlich aus dem Haus gestohlen haben, plötzlich ungefragt dazustoßen. Das Drehbuch sah vor, dass einer der Männer gewalttätig nach Jem greift, und Scout dem Mann vors Schienbein tritt, um den Bruder zu befreien. Regisseur Mulligan sprach die Szene mit den Mitwirkenden durch und wies Mary Badham darauf hin, dass der zu tretende Darsteller ein durch Polster geschütztes Bein habe, und nur an dieses Bein solle sie treten.
Ein frommer Wunsch.
Denn die Kinderdarstellerin, laut eigener Aussage seinerzeit ein „kleiner Schlingel“ trat dem armen Mann vor laufender Kamera viermal ans ungeschützte Bein, was auch die markerschütternde Lautstärke der entsprechenden Schreie erklärt.
Die Szene schritt voran, zu der Stelle an der Scout ihren Text zu sagen hat.
Hier wurde es schwierig, denn:


Es war der letzte Drehtag und ich wusste, dass ich mich von all diesen Leuten verabschieden musste und ich nie wieder jemanden von ihnen sehen würde. Diese Leute waren wie eine Familie. Ich wollte nicht, dass es aufhört.
Ich habe meinen Text nicht richtig gesagt. Schließlich rief Mr. Mulligan "Cut!" Und meine Mutter brachte mich zum Trailer und sagte: "Ich weiß nicht, was mit dir los ist, aber du nimmst dich besser zusammen. Weißt du, wie schlimm die Autobahn um fünf Uhr ist? Diese Leute müssen nach Hause fahren."
Also ging ich raus und brachte meinen Text:" Hey, Mr. Cunningham" und "Ich kenne ihren Sohn."



Die letzte Klappe fiel.
Dann trat Gregory Peck auf einmal schmunzelnd einige Schritte zurück – und die eingeweihte Beleuchter-Crew kippte aus mehreren Kübeln Wasser auf die Kinderdarsteller, die so eine, in der Hitze des Studios eher angenehme, Dusche erhielten. Es war die liebevolle Rache eines Mannes der während des Drehs mit hunderten Wasserpistolenschüssen traktiert worden war.
Und sein Weg auf Augenhöhe, mit einem Zwinkern, „Goodbye“ zu sagen.

Sieht aus, als hätten sie Spaß, die Vier...

Für Regisseur Robert Mulligan endete die Arbeit jedoch noch lange nicht.
Den nun begann der Weg in die Nachbearbeitung, in den Schneideraum und an den Flügel des Filmkomponisten. Erst jetzt würde aus dem abgedrehten Rohmaterial die finale, endgültige Gestalt des fertigen Films in mühsamer Kleinarbeit zusammengesetzt werden. Die eigentliche filmische Erzählung begann erst jetzt.
Mulligan hatte eine glänzende Ausgangsposition, denn das Material war sehr stark. Er hatte die Darsteller seines Ensembles mit äußerstem Feingefühl und großer Erfahrung zu bestechenden Leistungen geführt, die bereits in den „Daylies“ also den jeweiligen Tagessichtungen aufgefallen waren. Er hatte das ungewöhnlich breite stilistische Spektrum des Films, das von einer wehmütig-humorvollen Kindheitserzählung voller Abenteuer, über ,visuell an den deutschen Expressionismus angelehnten, Gothic-Grusel in der Tradition des Grand Guignol rund um die Boo Radley-Figur, bis hin zum erwachsenen, spannungsgeladenen Gerichtsdrama in einem wahren Drahtseilakt ausgefüllt, ohne einen fatalen Stilbruch zu riskieren.
Die emotionale Wucht des späteren Films war bereits zu erkennen.


"Früchte des Zorns" (1940)
Ebenso zu erkennen waren bereits damals, und sind noch heute, die filmischen Vorbilder die Robert Mulligan und Chefkamermann Russell Harlan beeinflussten. Waren die sonnendurchfluteten Tagesszenen in schwülheißer Tageshitze in ihrem Timbre und ihrer Bildästhetik ganz klar an die intensive, fast dokumentarische Bildsprache von Gregg Tolands („Citizen Kane“) famoser, fast halbdokumentarischer Kameraführung zu John Fords meisterlicher John Steinbeck-Adaption „Die Früchte des Zorns“(1940) inspiriert – die ebenfalls im ländlichen Milieu während der Depressions-Ära gespielt hatte – so haben die nächtlichen Boo Radley-Abenteuer in ihrer schauerlichen Überzeichnung nicht nur visuelle Anklänge an den deutschen Stummfilm, sondern erreichen in ihren stärksten Momenten auch die poetische Kraft von „Die Nacht des Jägers“ aus dem Jahr 1955.


"Die Nacht des Jägers" (1955) von Sir Charles Laughton
Dieses Regiedebüt des Schauspielers Charles Laughton ( Captain Bligh in „Meuterei auf der Bounty“ 1935, Quasimodo in „Der Glöckner von Notre Dame“ 1939 und Verteidiger Sir Wilfried in „Zeugin der Anklage“ 1957) war ein poetisches, betörendes Schauerdrama um zwei Kinder die vor dem Mörder ihrer Mutter, einem falschen Prediger (gespielt von Robert Mitchum), der das Versteck zu einem Schatz erfahren will, durch die Nacht fliehen, erzählt als ein Märchen. Ein Meisterwerk, dessen Einfluss auf „Wer die Nachtigall stört“ unübersehbar ist.


Die Bildästhetik des Films spiegelt radikal den Erlebnisprozess und den Blickwinkel der kindlichen Protagonistin, so wie es später Elmer Bernsteins Filmmusik ebenfalls meisterlich tun würde.


Film Noir - artig ausgeleuchtete Nacht-Szene
Überhaupt ist die Kameraführung von Russell Harlan herauszuheben. Seine hinreißend grobkörnigen Schwarzweißaufnahmen fangen die 30iger Jahre ein wie eine Zeitkapsel: Genau, klassisch, real bis in die Details und wunderschön. Man hat fast das Gefühl einen Film zu sehen der in den dreißiger Jahren gedreht worden ist. Seine visuelle Auflösung des Raumes ist brillant, wie man zum Beispiel in der Sequenz mit dem tollwütigen Hund mustergültig sehen kann; herausragend auch die ganze Gerichtssequenz.
Die größte Herausforderung muss die Szene gewesen sein, in der Scout (in einem lebensgroßen Schinkenkostüm – fragen sie nicht!) und Jem auf dem nächtlichen Nachhauseweg von einem Unbekannten brutal überfallen werden. Wie um alles in der Welt filme ich das, aus der Perspektive des Mädchens, das in einem Schinken steckt und auf keinen Fall sehen darf, wer der Angreifer ist? Nahezu unmöglich – aber Russell Harlan fand einen Weg.

Blick auf das Radley - Haus: "Da drüben wohnt der böseste Mann der je
gelebt hat!"
Am bewunderungswürdigsten sind tatsächlich die grandios gearbeiteten Nachtaufnahmen, die absolut sensationell ausgeleuchtet sind. Kontrastreich, mit Mut zu echter Dunkelheit, sieht man hier wirklich Nachtsszenen, die ihre Kraft dadurch entfalten, dass man nicht, wie heutzutage taghell erleuchtete Szenerien hat in denen lediglich der Himmel schwarz ist. Das Know-How Nachtatmosphäre so zu photographieren ist offensichtlich seither irgendwo, irgendwie, irgendwann verschütt gegangen. Die Cinematographie des Films, die von vielen Kritikern zu recht als „haunting“ und „hauntingly beautiful“ beschrieben wird, erreicht eine solche Kraft, dass ihre Bilder sich ins unvergesslich ins kollektive Gedächtnis eines Publikums eingebrannt haben.
Man denke etwa an jene hinreißende Einstellung, gefilmt als Halbnahe (medium shot) von unten, während des Prozesses (innen, nachts) in der Scout, bereits auf dem Boden kauernd, von der Galerie aus durch die Sprossen des Geländers mit einem tieftraurigen Blick hinab auf ihren Vater sieht, der um das Leben eines Unschuldigen kämpft. `Die Gerechtigkeit der Erwachsenen – DAS soll sie sein?´ scheint er zu sagen.


Damit treten wir den Weg in die dunkle Geburtskammer jedes Filmwerkes an, den Schneideraum, und dort berühren wir ein lang gehütetes Geheimnis, ein großes Mysterium dieses Films, das lange nur eine urbane Legende war – hier, heute, in diesem Beitrag sind erstmals alle Belege für ihre Richtigkeit zusammengetragen die die Zeit überdauert haben; und hier, in diesem Beitrag wird erstmals in deutscher Sprache gelüftet, was hinter den Kulissen geschehen war....
Es geht um die verschollenen Szenen von „Wer die Nachtigall stört“.
Ja, ganz richtig, verschollene Szenen.
Es hieß bereits seit vielen Jahren, dass der Film in seiner Rohfassung, seiner Urform, deutlich länger war und Szenen enthielt die später spurlos verschwunden sind. Diese Behauptung ist zutreffend. Ich kann an dieser Stelle vier Setfotografien präsentieren, die diese Szenen zeigen, aufgenommen vom Stand-Photographen des Films, sie zeigen Ausschnitte aus Sequenzen, in voll ausgestatteten Räumen und in vollem Kostüm, die im fertigen Film nirgends auftauchen. Nur für Promo-Fotos baut man keine solch aufwendigen Sets, man leuchtet sie auch nicht so perfekt aus. In dem Foto, das Scout in der Schule zeigt, ist die Kamera voll im Bild, man sieht das gerade gedreht wird. 

Verschollene Schul - Szene

Zwei weitere Fotos zeigen Stellen aus der Nebenhandlung mit Mrs. Dubose (Ruth White): Einmal wie Jem, der im Sterben liegenden Nachbarin aus einem Buch vorliest (dem Roman zufolge dürfte das `Ivanhoe´ von Sir Walter Scott gewesen sein) und einmal Jem, Scout und Atticus am Bett der kränklichen Mrs. Dubose. 




Das vierte Foto zeigt Scout mit Mrs. Maudie Atkinson (Rosemary Murphy) bei deren Azaleen.





Mehr noch, mir liegt eine mit „Final Draft“ bezeichnete Drehbuchfassung von Horton Foote vor, die alle diese Szenen, die fotografisch festgehalten sind, auch enthält. Diese Version ist 147 Seiten lang, und sollte daher, gemäß der üblichen Daumenregel, einen etwa 150 minütigen Spielfilm abgeben – der fertige Film ist aber nur knapp 130 Minuten lang. Hier ein Ausschnitt der Schulszenen aus diesem Skript:



Es kann kein Zweifel bestehen: Diese Szenen müssen tatsächlich gedreht und dann nachträglich im Endschnitt komplett entfernt worden sein, leider, offensichtlich ohne das geschnittene Material entsprechend zu präservieren. Daher haben wir leider die entsprechenden Ausschnitte nicht. Sollten sie aber nicht weggeworfen worden sein, so besteht, da damals eine Wiederverwendung d.h. ein Überspielen der Bänder nicht möglich war, eine gewisse Hoffnung, dass dieses Material irgendwo, unbeschriftet, in irgendeiner Alten Dose im Archiv von Universal einen jahrzehntelangen Winterschlaf schlummert. Dann könnte es doch noch gefunden werden.
Interessanter ist die Frage, warum das Material, unter welchen Umständen, geschnitten worden ist.
Auch darauf ergeben meine Recherchen eine Antwort die sich belegen lässt.
Demnach gab es vor allen Dingen einen Grund: Gregory Peck.


Mir liegen zwei Memos vor, die Gregory Peck an seinen Agenten, Universal Pictures und natürlich Pakula und Mulligan geschickt hat – aus ihnen geht unzweifelhaft hervor dass er die Schnitte verlangt hat.
Peck war offensichtlich mit dem ersten Rohnschnitt nicht einverstanden, der viel zu lang war, und seine Figur, so fand er, in den Hintergrund schob. Am 18. Juni 1962 schrieb er knapp:

Atticus hat keine Chance als mutig oder stark zu erscheinen. Der Schnitt scheint generell
völlig antiheroisch soweit es Atticus betrifft, bis zu dem Punkt, wo er wischiwaschi wirkt. Verstehe diesen Ansatz nicht.



Galt als äußerst belesen: Gregory Peck.
Laut der Harper-Lee-Biographie „I am Scout“ lag diesem Memorandum eine Liste mit 44 Verbesserungsvorschlägen bei. Da Gregory Peck als Co-Produzent in den Film eingestiegen war um die Finanzierung zu sichern, standen ihm solche Vorschläge auch durchaus zu, das ist zunächst ein völlig übliches Prozedere unter gleichberechtigten Produzenten. Außerdem wusste Peck, dass der Endschnitt nicht in den Händen von Universal sondern von Alan J. Pakulas Produktionsgesellschaft und somit in den vertrauenswürdigen Händen von Chefeditor Aaron Stell lag.
Das Studio hatte hier keine Kontrolle.
Ein zweiter Cut wurde erarbeitet und wieder von allen in Augenschein genommen.
Diese Fassung fand Gregory Peck offenbar deutlich besser, dennoch verlangte er nach weiterer Entschlackung. Am 6. Juli 1962 antwortete er:

Ich glaube, wir haben da einen guten Charakter in Atticus, mit etwas Humor
und Wärme in den frühen Stadien und einiges an Emotion und
innerem Konflikt im Prozess und später. . . . Meiner Meinung nach wird der Film
stark gewinnen, wenn Atticus Storyline klarer hervortritt, und die
Kinderszenen proportional reduziert werden.



Eine Dekade früher: Audrey Hepburn und Gregory Peck kartenspielend
am Set von "Ein Herz und eine Krone"
Weitere Schnitte wurden gemacht, hin zu der Fassung des Films die wir heute kennen. Alan J. Pakula sagte später im Interview „Die Szene herauszuschneiden in der Jem der sterbenden Mrs. Dubose vorliest hat mir das Herz zerrissen. Aber es war notwendig.“ Einige Publikationen versuchen diesen Prozess so darzustellen, als ob Gregory Peck sich dadurch auf Kosten der Kinderdarsteller ungebührlich in den Vordergrund habe drängen wollen.
Dem widerspricht Verschiedenes. Zum Einen, dass, wie bereits erwähnt, der Austausch von Ideen und Änderungen unter Produzenten über Memos absolut normal ist. Zum Anderen dass es nicht Pecks Gepflogenheiten entsprach sich auf Kosten Anderer zu profilieren, seine Karriere bietet keine derartigen Beispiele und dass weder Robert Mulligan noch Alan Pakula, auch nach Pecks Tod, je über unzulässige Einmischung oder Ausübung von Druck klagten (im Gegenteil arbeitete das so entstandene Dreier-Team noch mehrfach danach zusammen). Drittens, dass die Figur des Atticus auch in der Endfassung nur in knapp über einem Drittel des Films im Vordergrund steht, zwei Drittel gehören den Kindern.

Ich vermute daher, dass die entsprechenden Anschuldigungen Folge einer Fehldeutung eines kollegialen Arbeitsprozesses sein dürften.

Ob nun Gregory Peck mit seinen Vorschlägen recht hatte, oder nicht, lässt sich mangels Blick auf den fraglichen Rohschnitt nicht sagen. Wir können aber sagen, dass die fertige Version einen nahezu idealen Fluss aufweist und ein hervorragendes Timing, ohne dass man je den Eindruck von Längen hätte. Insofern kann man festhalten, dass es immerhin möglich ist, das Peck hier den richtigen Instinkt hatte.
Dass diese Endfassung durch solche, für Filme oft zerstörerische, massiven Schnitte (von einigen holprigen Übergängen abgesehen) nirgends beschädigt wurde spricht für Pecks Ansatz und dass diese Version immer noch als eine der besten Literaturadaptionen überhaupt gilt, spricht für die außerordentliche Qualität von Horton Footes Arbeit.




In dieser Phase der Produktion, wurde auch noch ein weiteres, in diesem Fall zur Gesamtqualität wesentlich beitragendes Element in den Film eingefügt: Der Vorspann. Zu jener Zeit, in den 60igern (und noch lange danach) war das Schaffen eines Titeldesigns eine ganz eigene hochrespektierte Kunstform. Die beiden berühmtesten Titeldesigner der Welt waren Saul Bass - der nicht nur die äußerst kunstvollen Vorspannsequenzen für die Hitchcock-Klassiker „Vertigo“ (1958), „Der unsichtbare Dritte“ (1959) und „Psycho“(1960) entwickelt hatte, sondern auch für Meilensteine wie „Spartacus“ und „Exodus“ (beide 1960) und „West Side Story“ (1961) – und Maurice Binder , aktiv seit dem Cary Grant-Klassiker „Indiskret“ (1958) der ab 1962 die ebenso hocherotischen wie sexistischen Titelsequenzen aller klassischen James Bond-Filme bis 1989 kreierte.
Und dann war da STEPHEN FRANKFURT.


Adrian Curry schreibt treffend über ihn:

Ausschnitte aus dem Titelvorspann
Stephen Frankfurt war so etwas wie ein echter Don Draper: ein Hot Shot-Werbeagent der Sixties Madison Avenue, der 1965 in einem 30-minütigen Film mit dem Titel „The Quiet Persuader“ von der BBC portraitiert wurde (Komplett auf YouTube zu sehen). Der 1931 geborene und offenbar noch heute in der Werbung tätige Frankfurt wurde international bekannt, als er 1968 zum Präsidenten von Young & Rubicam ernannt wurde. Er war nicht nur mit 36 Jahren der jüngste Mann in der Werbung, der ein so hohes Amt innehatte, er war auch noch ein Art Director, zu einer Zeit als es für Art Directors noch unüblich war, Agenturen zu leiten. Young & Rubicam war die zweitgrößte Werbeagentur der Welt und in der ersten Episode der neuen Staffel von „Mad Men“ erwähnt Don Draper Y & R als Rivalen. Er beklagt sich über die viel geräumigeren Büros von Y & R, obwohl man im BBC-Stück sehen kann, dass ihre Büros nicht annähernd so glamourös sind wie Sterling Coopers. (In den ersten Minuten des BBC-Films hält Frankfurt eine so sarkastische Rede darüber, dass Werbung etwas ist, was die Leute nicht brauchen, dass ich schockiert bin, dass Matthew Weiner sie noch nicht für „Mad Men“ gestohlen hat.)
Frankfurt hatte 1957 im Alter von 25 Jahren bei Y & R begonnen, und seine preisgekrönten Werbefilme brachten ihm die Aufmerksamkeit des Produzenten Alan J. Pakula ein, der ihn 1962 für die Gestaltung der Haupttitel von „Wer die Nachtigall stört“ engagierte. Die Sequenz veränderte die Kunst des Titeldesigns (Cameron Crowe huldigte ihr in „Almost Famous“, und Kyle Cooper gab ihr in „Se7en“ seinen eigenen Twist).

Frankfurt war ein brillanter Designer und großartiger Ideengeber, und sein innovativstes Marketingkonzept, beginnend mit Rosemary's Baby im Jahr 1968, sah das Werbepaket eines Films als Totalität - die Gestaltung von Titeln, Plakaten, Trailern und Anzeigen mit einer gemeinsamen Optik und gemeinsamem Thema. Er war auch eine Spezialist für Slogans [ taglines] ("Bete für Rosemary's Baby", "Im Weltall hört dich niemand schreien", "X was never like this")



In der Tat ist Stephen Frankfurts Titeldesign eine der heute berühmtesten Vorspannsequenzen der Welt – auch eine der Bezauberndsten: Das spielende Mädchen, das den Titel des Films schraffiert und aus dessen Summen heraus die Titelmusik wie von Zauberhand entsteht, die Holzkiste mit den Geschenken die die Kinder später im Film aus dem Astloch holen; all das ist bereits für den Inhalt relevant, all das setzt bereits in äußerst sinnlicher Weise den Ton für den ganzen nachfolgenden Spielfilm. Verstärkt wird diese Wirkung, weil Filmkomponist Elmer Bernstein seine Titelmusik an den Vorspann so anpasste, dass Bild und Klang miteinander spielen, in ein harmonisches Duett einstimmen. Schöner kann man in einen Film gar nicht einsteigen.

Fast haben wir nun einen fertigen Film, nur muss, zu guter Letzt, noch der Taktstock geschwungen werden, und nicht selten steht und fällt ein Film mit seiner Musik....


Maestro Elmer Bernstein
Der 1922 in New York City geborene ELMER BERNSTEIN (nicht verwandt mit Leonard Bernstein. Der Name wird `Bernsteen´ ausgesprochen) wollte ursprünglich Konzertpianist werden, doch das Schicksal wollte es anders – zum Glück. Er studierte an der renommierten Julliard School, der berühmtesten Musikhochschule der USA, Piano und Kompositionslehre, sowie Musikpädagogie an der New York University. Während des zweiten Weltkriegs war er als Musikarrangeur für die Army tätig. Nach seiner Rückkehr begann er wieder aufzutreten und zu komponieren, zunächst nur für das Radio. 1949 schrieb er Musik für ein Radioprogramm der Vereinten Nationen. Zufällig wurde diese Komposition von Musikspezialist und Drehbuchautor Norman Corwin gehört, der Bernstein an Sidney Buchman, damals Studiochef von Columbia Pictures, empfahl.
So entstand der erste Filmvertrag.

Nach zahlreichen B- Filmen, wie „The Battles Of Chief Pontiac“ von 1952, machte Elmer Bernstein als Filmkomponist erstmals 1955 international auf sich aufmerksam, als er ,für den um Drogensucht kreisenden Frank Sinatra Klassiker „Der Mann mit dem golden Arm“, den ersten reinen Jazz-Score der Filmgeschichte schrieb. Eine weitere große Chance ergab sich für ihn 1956 durch das prallbunte Bibelepos „Die zehn Gebote“ mit Charlton Heston, als Cecil B. DeMilles Stammkomponist, Victor Young, krank wurde und ersetzt werden musste. Dadurch stieg Bernstein, der einsprang, endgültig in die A-Liga auf. Große Arbeiten für „Die Nacht kennt keine Schatten“(unter Bob Mulligan) und „Dein Schicksal in meiner Hand“ beide 1957, „Begierde unter Ulmen“ 1958, „Die Glorreichen Sieben“(1960, ikonisch!) und „Der Gefangene von Alcatraz“ (1962) folgten und wiesen Bernstein als ungeheuer vielseitigen Alleskönner aus. 



Filmclip mit 10 der berühmtesten Arbeit Elmer Bernsteins


Bis 2002 sollte er für über 251 Kino- und TV Produktionen Filmmusiken schreiben, viele davon wurden legendär (Wie „Gesprengte Ketten“ 1963, „Der Marshall“ 1969, „Ghostbusters“ 1984, „Mein linker Fuß“ 1989 oder „Zeit der Unschuld“ 1993), und trotz zahlreicher Nominierungen nur einen einzigen Oscar gewinnen, 1968, für das Musical „Thoroughly Modern Millie“ mit Julie Andrews. Er gilt dennoch als einer der einflussreichsten amerikanischen Filmkomponisten überhaupt der unter anderem Alan Silvestri, Georges Delerue, Howard Shore, James Newton Howard, John Barry, Lalo Schifrin, Hans Zimmer, James Horner, Jerry Goldsmith, John Williams, Trevor Jones, Alan Menken, Randy Newman und Danny Elfman wesentlich beeinflussen sollte.

Als er für „Wer die Nachtigall stört“ engagiert wurde, hatte Elmer Bernstein bereits 3 Oscarnominierungen errungen – und sollte sein absolutes Meisterwerk abliefern, einen Score der von Fachleuten regelmäßig unter die zehn besten Filmmusiken der Filmgeschichte gewählt wird, meist sogar unter die Top drei, und nicht selten sogar auf Platz 1.


Nichtsdestotrotz fand Bernstein die Aufgabe zunächst fast unlösbar. „Ich habe sechs Wochen gebraucht um mit dieser Filmmusik vom Fleck zu kommen“ erinnerte er sich Jahre später „Ich hab mir wirklich selbst Angst gemacht, bevor ich realisiert habe, was der ganze Kern dieser Komposition war. Was macht die Musik hier? Was für eine Atmosphäre kreiert sie? Was ich realisierte war, dass ihre wirkliche Funktion darin bestand mit der Magie in einer kindlichen Welt umzugehen. Das war der ganze Schlüssel zu diesem Score, und daher auch die hohen Register auf dem Piano, die Schellen und Harfen, Instrumente die ich mit kindlicher Magie in einem ganz und gar amerikanischen Kontext verband“
Musikkritiker Kevin Mulhall, nennt Bernsteins Score für „Wer die Nachtigall stört“ in seinem Aufsatz „Scenes from Maycomb County“ eine der, Zitat, „schönsten und einflussreichsten Kompositionen in der Geschichte der Filmmusik“ und das Titelthema, offensichtlich stark inspiriert durch „Lark Ascending“ von Ralph Vaughan Williams `eines der hinreißendsten Stücke die je in einem amerikanischen Soundtrack zu hören waren´. Weiter erläutert er:

Die Musik für „Wer die Nachtigall stört“ ist warmherzig, lyrisch, neugierig, heiter, impressionistisch und gelegentlich alptraumhaft – alles charakteristisch für das Erleben eines Kindes


Der junge JOHN WILLIAMS, noch ohne sein
charakteristisches Ziegenbärtchen.
Die Titelsequenz und die spätere Boo Radley-Sequenz, samt dem Schluss, gelten, bis zum heutigen Tag, als zwei der filmmusikalisch am besten orchestrierten Szenen der Filmgeschichte.
Die Intensität und Virtuosität mit der Elmer Bernstein alle Register dieses komplexen Films füllt ist regelrecht verblüffend, das Ergebnis: Ein Soundtrack der sogar aus Bernsteins reichem Werk weit herausragt, und fast so ikonisch wurde der Film selbst.


Übrigens:
In der Originaleinspielung der Titelmusik sitzt nicht etwa Elmer Bernstein am Piano, sondern ein junger Schüler von ihm, der ihn später einmal weit überflügeln sollte: John Williams, den wir heute als 5-fachen Oscarpreisträger (für „Anatevka“ 1971, „Der weiße Hai“ 1975, „Star Wars“ 1977, „E.T. - der Außerirdische“ 1982 und „Schindlers Liste“ 1993) kennen, und der mit mittlerweile 51 Oscarnominierungen als Filmkomponist, mehr Nominierungen als jeder andere lebende Mensch, im Guiness Buch der Rekorde steht.


Hier eine neu-arrangierte Suite aus Bernsteins wichtigsten Stücken für „Wer die Nachtigall stört“, aufgeführt anlässlich des 100-jährigen ASCAP Jubiläums in Krakau, 2014, an der Querflöte Sara Andon:



Und für diejenigen die keine Angst vor massiven Spoilern haben hier ein Ausschnitt einer konzertanten Aufführung des Films (mit Live Musik) in der Hollywood Bowl, in Los Angeles, der einen Eindruck der Wirkung erlaubt, die Bild und Musik vor 52 Jahren hinterlassen haben müssen:




Die Produktion von „Wer die Nachtigall stört“ endete im Sommer 1962.
Die Weltpremiere fand am 25. Dezember 1962 in Los Angeles, Kalifornien statt.
Die Frage war:
Wie würde die Öffentlichkeit reagieren?




Teil 1 mit dem Titel "A Novel Of Rare Excellence" findet sich hier:


Teil 3 des dreiteiligen Essays "Nachspiel" finden Sie hier:
https://uncahierducinema.blogspot.de/2018/02/das-gewissen-eines-einzelnen-wer-die_11.html


Freitag, 9. Februar 2018

DAS GEWISSEN EINES EINZELNEN: „WER DIE NACHTIGALL STÖRT“ (1962) – TEIL 1




Gewidmet der Gruppe "Wir brauchen den Widerstand gegen Rechts"




TEIL 1: A NOVEL OF RARE EXCELLENCE




Bewegender  Tribute - Clip eines Fans




                                                                                                                                                           
Nelle Harper Lee
„When he was nearly thirteen my brother Jem had his arm badly broken at the elbow“ („Das Unglück mit dem Arm passierte kurz vor Jems 13. Geburtstag“ deutsch nach der Übersetzung von Claire Malignon) – oft schon habe ich mich gefragt was Harper Lee gedacht haben, was in ihr vorgegangen sein mag, als sie irgendwann Ende 1957 in ihrem New Yorker Apartment diesen Satz in ihre Schreibmaschine getippt hat. Hat sie geahnt dass das nicht nur der Anfang eines beliebigen Buches sondern eines Jahrhundert-Romans werden würde und, zugleich, auch der Anfang vom Ende ihrer Schriftstellerischen Laufbahn? Wusste die Südstaatlerin, die bis vor kurzem bei einer New Yorker Fluggesellschaft am Schalter gearbeitet hatte, als sie diesen ersten Satz – de facto einen der berühmtesten ersten Sätze – schrieb bereits, dass das Buch an derselben Stelle beginnen würde, an der es, hunderte Seiten später enden würde? Ahnte sie, dass sie gerade dabei war sich zu einem one-novel-wonder zu entwickeln, ganz so wie J.D. Salinger vor ihr? Was wenn sie gewusst hätte, so unvorstellbar die Frage anmuten muss,dass dieses Manuskript, das damals noch den schlichten Titel „Atticus“ trug (und dass sie einige Wochen später aus Verzweiflung aus dem Fenster auf die regennasse Strasse werfen würde, nur um es, nach einem telefonischen Anpfiff ihres Agenten, nicht minder verzweifelt in durchweichtem Zustand wieder aufzusammeln) dazu führen würde, dass zahllose Amerikaner ihre Kinder Atticus taufen, andere den Beruf des Rechtsanwalts ergreifen und wieder andere ihre Töchter Jean Louise oder Scout nennen würden? Wenn sie gewusst hätte, dass heute vor dem Obersten Gerichtshof Alabamas eine Statue der von ihr entwickelten Kunstfigur Atticus Finch stehen würde, als Mahnung an seine realen Kollegen – hätte sie das Buch trotzdem geschrieben?

Hätte sie es überhaupt schreiben können?   


Harper Lee mit ihrem Vater, dem Vorbild für die Figur des Atticus Finch.
Doch beginnen wir ganz am Anfang, denn dieses Manuskript hat eine Vorgeschichte – und auch diese muss hier erzählt werden.

NELLE HARPER LEE wurde geboren am 28. April 1926 in Monroeville, Alabama, mitten in der Zeit der großen Weltwirtschaftskrise und deren amerikanischer kleiner Schwester, der „Depression“, als Tochter des verwitweten Rechtsanwaltes Amasa Coleman Lee. Tatsächlich war sie sogar eine weitläufige Verwandte des US-Südstaatengenerals Robert E. Lee.

Harper Lee mit ihrem Freund Truman Capote in den 50ern in New York
Aufgezogen von ihrem Vater, und, wie damals üblich einer farbigen Haushälterin, wuchs Lee mit ihrer Schwester Alice in der mittelgroßen Bezirkshauptstadt Monroeville auf – und mit ihrem Freund von nebenan. Der schmächtige Knabe mit der Fistelstimme namens Truman Persons, wuchs bei seinen Tanten auf, und in den Jahren 1930 bis 1932 verbrachte er die Sommerferien regelmäßig in Monroeville. Harper, Truman und Alice würden manchen Sommer damit verbringen, den zurückgezogen lebenden „Son“ Bouleware aus seinem Haus zu lotsen, ihren Vater, Amasa, vor Gericht zu beobachten, und, eines Tages, würden Harper und Truman auf ein- und derselben alten Schreibmaschine im Baumhaus der Lee-Kinder zusammen ihre ersten literarischen Gehversuche machen. Beide würden später berühmte Schriftsteller werden; denn aus dem ungewollten Knaben von Nebenan wurde der Ausnahmeschriftsteller TRUMAN CAPOTE. 

Harper Lee im Courthouse Building von Monroeville, Alabama
Als Kind würde Lee ihren Vater erleben wie er zwei unschuldige Schwarze, Vater und Sohn, des Mordes an einem weißen Ladeninhaber angeklagt, mit unbestechlicher Aufrichtigkeit und einem über das gestattete Maß weit hinausgehendem Engagement vor Gericht verteidigte; sie würde dabei sein wenn beide Männer trotzdem zum Tode am Strang verurteilt würden, und das Herz ihres Vaters in Stücke brach, so dass der Ehrenmann Amasa Lee dem Strafrecht erschüttert für immer abschwor.

Mehr als 20 Jahre später würde sie ihn als `Atticus Finch´ in dem Roman „Wer die Nachtigall stört“ unsterblich machen. Und in diesem Roman würde sie all jenen Unschuldigen aus ihrer Kindheit, die damals nicht gehört wurden, sich nicht verteidigen konnten, auf hochpoetische Weise eine Stimme verleihen. Eine Stimme , so zwingend, dass sie auch heute, mehr als 58 Jahre nach der Veröffentlichung, immer noch auf der ganzen Welt gehört wird, wann und wo auch immer dieses Buch aufgeklappt wird.

Harper Lee studierte, inspiriert von ihrem Vater von 1944 – 1949 Jura, erst am Huntingdon College in Alabama und dann an der University Of Alabama in Tuscaloosa. Nachdem 1949 ihr guter Freund Truman Capote seinen literarischen Durchbruch mit „Andere Stimmen, andere Räume“ geschafft hatte, entschloss sie sich endgültig ihr Studium abzubrechen und Schriftstellerin zu werden. Sie zog nach New York.

Während sie nun verschiedene Kurzgeschichten und Porträts ihrer Heimatstadt und ihrer Menschen verfasste, jobbte sie nebenher verschiedentlich. Für ein größeres Werk fehlte im aufgeladenen Arbeitsalltag im Büro stets die Zeit und die Regelmäßigkeit, auch wenn Truman Capote ihr im November 1956 zu einem literarischen Agenten verhalf. Schicksalshaft sollte das Weihnachtsfest desselben Jahres werden. Harper war bei Freunden eingeladen, die sie ebenfalls durch Capote kennengelernt hatte, dem Musikproduzenten Michael Brown und dessen Ehefrau. Am 25. Dezember 1956, erschien Lee zur Feier in Browns Stadthaus in der East 50th Street. Die Atmosphäre war übermütig und sinnlich zugleich. Sie erhielt sogar ein Geschenk. Am Weihnachtsbaum baumelte ein Umschlag mit ihrem Namen, der ausgebeult war. Sie öffnete ihn. Er enthielt ihr Gehalt für 12 Monate und eine Notiz die besagte „You have one year off from your job to write whatever you please. Merry Christmas“ (Du hast hiermit ein Jahr bezahlten Urlaub von deinem Job, um zu schreiben, was immer du willst. Frohe Weihnachten). Die Browns hatten Lees Texte gelesen und waren absolut überzeugt von ihrem Talent. Sie wollten die angehende Schriftstellerin, da sie es sich leisten konnten, tatkräftig unterstützen.

Dieses Geschenk war der Startschuss, für das Buch, aus dem später „Wer die Nachtigall stört“ entstand.

Zunächst aber entstand unter Lees kundigen Händen ein ganz anderer Roman mit dem Titel „Gehe hin,stelle einen Wächter“ (Go Set A Watchman). In ihm begegnet uns die Protagonistin aus dem späteren Werk, Jean Louise, genannt „Scout“ , Finch bereits, doch als junge Erwachsene in der Gegenwart der 50iger in der die Geschichte um Rassentrennung und Bürgerrechtsbewegung spielt. Auch die auf ihrem Vater basierende Figur des Atticus kommt bereits vor, wenngleich in ungleich ambivalenterem Licht. Es ist ein frischer, glänzend erzählter Erstling mit leichten Holprigkeiten und jugendlichem Sturm und Drang, doch noch deutlich entfernt vom späteren Meisterwerk. Nelle reichte den Roman 1957 bei dem Verlag B.J. Lippincott über ihren Agenten ein. Dort geriet er in die Hände einer legendären, sehr erfahrenen Lektorin, Tay Hohoff. Hohoff erkannte sofort das Talent der Autorin „Der Funke der echten Schriftstellerin glomm aus jeder Zeile“. Lippincott kauft das Manuskript, dachte jedoch gar nicht daran es zu publizieren. Man wollte nur die junge Autorin unter Vertrag haben. Tay Hohoff setzt ihre Macht als Lektorin ein und erklärte das Skript als für eine Veröffentlichung ungeeignet. Sie erklärte das Buch sei „mehr eine Serie von Anekdoten, denn ein voll durchkonzipierter Roman“ - heute, wo auch „Geh hin , stelle einen Wächter“ als Publikation vorliegt, muss man objektiv feststellen dass die erste Einschätzung willkürlich und die zweite inhaltlich falsch ist. Der Mythos nachdem „Wer die Nachtigall stört“ aus einer Kurzgeschichtensammlung entsprungen sei, geht auf diese Äußerung von Hohoff zurück. 

Die Lektorin war allerdings tief beeindruckt von den Flashbacks in die Kindheit der Protagonistin. Sie schlug vor einen ganz neuen Roman, noch autobiografisch gefärbter, mit denselben Figuren zu schreiben, der aber ganz in Scout Finchs Kindheit spielen und von dieser in der ersten Person auch erzählt werden sollte. Einen Roman über Rassismus und Vergewaltigung aus der subjektiven First-Person-Narration einer (zu Beginn) Sechsjährigen so zu erzählen, dass er für Erwachsene Leser funktioniert, ist ein, selbst für einen erfahrenen Autor, so unerhörtes Kunststück, dass man sich fragen kann ob Hohoff die Debütantin Lee nicht rettungslos sabotieren wollte.


Eine der berühmtesten ersten Seiten der Literaturgeschichte: Das Original- Typeskript von H. Lee.
Die Klebestreifen sind noch immer sichtbar.








Ob Hohoffs Schilderungen aus dem Jahr 1978 nach denen sie massiv in die Erarbeitung des Romans, der unter dem Titel „Atticus“ begann und, nach Lees Drängen, als „Wer die Nachtigall stört“ endete, eingriff, oder es sich lediglich um deren Selbstdarstellung handelte (wissend, dass Lee seit Mitte der 60er keinerlei Interviews mehr gab), lässt sich nicht feststellen.

Was wir wissen ist, dass der Roman eine enorme schriftstellerische Herausforderung gewesen sein muss: Eine Mischung aus Coming Of Age Roman (bzw. Bildungsroman) & Southern Gothic, die von Milieuschilderungen und Figuren lebt, mit Elementen rasiermesserscharfer Satire und einer absolut unzweideutigen Haltung gegenüber Rassismus, den die Verfasserin mit sprachlichem Skalpell zu sezieren hatte – und das alles auch noch aus einer fast unmöglichen Erzählperspektive. Das hätte jeden eingeschüchtert.
Wir wissen weiter, dass Harper Lee (das männliche Pseudonym war eine Idee von Lippincott) fast zweieinhalb Jahre an dem Buch schrieb, das heute als Musterbeispiel der „Great American Novel“ gilt.
Und wir wissen, dass Nelle Harper Lee alle diese Erwartungen brillant übertraf.

Am 11. Juli 1960 wurde „Wer die Nachtigall stört“ veröffentlicht.
Bis zum heutigen Tage, fast 58 Jahre später, war dieser Roman nicht einen einzigen Tag lang „out of print“.


Erstausgabe mit handschriftlicher Widmung der Autorin
In diesem hinreißend erzählten, und kühn komponierten Panoptikum einer Kindheit im tiefen Süden der USA erleben wir die Welt der sechsjährigen, burschikosen Jean Louise "Scout" Finch, die zusammen mit ihrem Bruder Jem und ihrem verwitweten Vater Atticus Finch in einer Südstaaten-Kleinstadt heranwächst, erzählt in einer einzigen, wehmütigen, drei Jahre überspannenden Rückblende die uns zurückführt nach Maycomb, Alabama, im heißen Sommer von 1932: 

Scout findet Freunde wie den zugereisten Dill Harris, fürchtet sich vor der bösartigen, zänkischen Nachbarin Mrs.Dubose, und muß doch gerade von ihr eine Lektion über wahre innere Stärke lernen, hat Streitereien mit ihrem pubertierenden Bruder, entdeckt die zarte Seite hinter der strengen Haushälterin Calpurnia, und findet schließlich heraus dass sie und Jem einen unbekannten Freund haben, der ihnen heimlich Geschenke macht, hinterlegt in einem Astloch. Und über allem schwebt das Schreckgespenst ihrer Kindheit - Boo Radley, ein Nachbar den Scout nie gesehen hat - für sie der sprichwörtliche schwarze Mann. Als Scout in die Schule kommt und ihr Vater die Verteidigung eines der Vergewaltigung angeklagten Farbigen übernimmt, zerbricht die heile Welt der Kinder: Plötzlich bröckelt die verträumte Fassade der Kleinstadt, dunkle Wolken halten in die Welt der Kinder Einzug, Hass flammt der Familie entgegen. Dieser eine Sommer wird zu einer Prüfung die an die Fundamente des menschlichen Gewissens rührt. Aber Atticus versucht verzweifelt seine Kinder durch die schwere Zeit zu bringen, sie zu verantwortungsvollen, tolerant denkenden Menschen zu erziehen. Erst spät versteht Scout die tiefe Vaterliebe dieses scheuen Mannes, der allein gegen eine ganze Stadt, ja ein Gesellschaftssystem aufsteht....und am Ende des Romans begegnet Scout zum ersten Mal in ihrem Leben der wahren "Nachtigall" dieses Buches...



Harper Lee haucht dem stark autobiographisch gefärbten Roman mit begnadeter Erzählkunst Leben ein. Ein stiller, menschlicher Humor durchzieht die feinsinnig gesponnen Fäden der symbolistisch aufgeladenen Handlung ebenso, wie ein Höchstmaß an Authentizität und echte Weisheit. Nicht eine einzige klischeehafte Figur bevölkert das dramatis personae, alle Charaktere sind dreidimensional, lebendig, vielschichtig und so voller Saft und Kraft als habe man sie gerade erst getroffen. Meisterlich schildert Lee sowohl das Milieu der weißen Mittel- und Unterschicht wie auch der schwarzen Minderheit. Unaufdringlich – und unbestechlich - schleicht sich dabei die Gesellschaftskritik der Autorin in das Denken des Lesers, sie entblößt – in einer präzisen Sprache die, wie ein Kritiker schrieb „durch Vorurteile schneidet, wie ein Messer durch die Butter“ - die Unmenschlichkeit und Dummheit einer Gesellschaft die auf Rassismus, Sexismus und Klassendenken fixiert ist, durch den unbarmherzigen Blick aus den Augen eines unschuldigen Kindes. Die rotzfreche, hochintelligente ironische Erzählerstimme von Tomboy Scout ist ebenso grandios durchgehalten wie deren Wahrnehmungsspektrum, das, natürlich von extremen Kontrasten geprägt und in dem natürlich der Vater überhöht ist.
Aber ihr Roman ist mehr als das: Es ist eine berührende und oft atemberaubende Studie des schmerzhaften, bittersüßen Prozesses des Erwachsenwerdens. Die Schlusspassage von "Wer die Nachtigall stört" schließlich erhebt sich über bloße sprachliche Gestaltungskraft - Prosa wie sie in der US - Literatur nahezu ohne Beispiel ist. Selten, wenn überhaupt je, erreicht ein Roman ohne den Leser zu manipulieren einen solchen „emotional payoff“.

Dabei erzählt Lee nicht einfach ihre eigene Geschichte nach, sondern greift in die ganze Fülle biographischen Materials, verfremdet, fiktionalisiert, gestaltet es neu, so dass etwas ganz und gar Künstlerisches und Originäres entsteht, in dem jeder Satz echtes Leben atmet, das in den 30er Jahren sich abspielt, mit einer mehr als akuten Relevanz für die 60iger, und das selbst 2018 immer noch eine Resonanz findet, die unabweisbar ist.

Ich kann mich nur der Meinung von Romancier Truman Capote anschließen, der schließlich - ein Jugendfreund Harper Lees - in der Figur des Dill verewigt ist:



Dieses Buch 1960 zu veröffentlichen, in der Mitte der gesellschaftlichen Umwälzungen durch die Bürgerrechtsbewegung, war seitens der Verfasserin, einer weißen Südstaatlerin, keine Kleinigkeit, nahm sie doch mit der Aussage ihres Buches eine unerschrockene, äußerst klare und äußerst komplex dargelegte Position gegen institutionalisierten Rassismus ein, und handelte weiterhin Themen wie das elitäre Klassendenken und weibliche Rollenmuster in einer Kompromisslosigkeit und Tiefenschärfe ab, die ihrer Zeit weit voraus war.
Letztlich entstand eine als mitreißende Unterhaltung verkleidete Meditation über die Natur des Vorurteils und den Verlust der Unschuld; es ist diese Eigenschaft, neben der Erzählkunst und der Sprache, die das Buch absolut zeitlos macht.

Lee selbst erwartete, auch entmutigt durch den Verlag, keinen großen Erfolg für ihren Erstling, sondern nur einen „kurzen, gnädigen Tod durch die Kritiker“. Das jedenfalls sagt sie selbst. Im einzigen erhaltenen Radiointerview, mit dem Sender WQXR:






Es kam ganz anders:


Der BOSTON SUNDAY HERALD am 10. Juli 1960 (Vorbericht)




Und der einheimische MOBILE REGISTER:





Die Kritiken waren außerordentlich, alle drei großen US-amerikanischen Buchclubs erklärten in nie dagewesener Einigkeit „Wer die Nachtigall stört“ zum Literaturtipp des Jahres. Schnell schossen die Verkaufszahlen weit über die „wenigen tausend Kopien“ die der Verlag prophezeit hatte, hinaus.

Die Leser liebten das Buch von Anfang an, wie beispielsweise dieser wunderbare Antwortbrief Harper Lees an eine Leserin zeigt:




Dann, 1961, erhielt der Roman, der sich zu dieser bereits 41 Wochen lang auf der Bestsellerliste der New York Times befand, völlig überraschend und für ein Debüt enorm ungewöhnlich, den höchsten Literaturpreis Amerikas, den Pulitzerpreis, in der Sparte Belletristik (outstanding novel of the year).

Ab diesem Augenblick begann das Phänomen „Mockingbird“.

Weit über 30 Millionen Exemplare würden weltweit verkauft werden, übersetzt in mehr als 40 Sprachen. 1964 würde es verpflichtende Schullektüre für fast jeden Amerikaner werden – und sogar dieses Todesurteil für jedes Lesevergnügen unbeschadet überstehen.
Sogar eine eigene Dokumentation („Hey Boo – Harper Lee and To Kill A Mockingbird“) würde Filmemacherin Mary McDonagh-Murphy dem Buch später widmen:




Es sollte das meistgeliebte Buch in englischer Sprache werden und in gewisser Hinsicht auch eines der Umstrittensten. Immer wieder, bis zum heutigen Tag, würde es aus öffentlichen Büchereien und Schulbibliotheken verbannt werden, weil entweder Konservative beklagten dass die im Roman geschilderte amerikanische Gesellschaft keine heile Welt sei, oder Progressive Anstoß daran nahmen, dass die Rassisten des Romans das Wort „Nigger“ im Munde führen.

Harper Lee, die seit 1964 die Öffentlichkeit komplett mied, verfasste einmal selbst einen, von ihrer typischen Ironie flirrenden, Leserbrief zu einem solchen Ereignis in Hanover County im Jahre 1966:



Kein Wunder also, dass sich die amerikanische Filmbranche, damals noch in ihrer alten Form des etwas unpräzise mit dem Begriff „Hollywood“ zusammengefassten Studiosystems, sich früh, sehr früh, für die Filmrechte von „Wer die Nachtigall stört“ interessieren würde – oder, eigentlich, doch.

Verwunderlich deshalb, weil keines der damaligen eher schematischen Rezepte für einen Kassenerfolg enthalten zu sein schien. Kein Abenteuer, keine Kriminalspannung oder Nervenkitzel und, noch nicht einmal eine Romanze.„Wo ist die Liebesgeschichte? Es hat ja nicht einmal eine Liebesgeschichte“ entgegnete man dem Produzenten Alan J. Pakula, der den Stoff mit seiner kleinen Gesellschaft Brentwood productions zunächst für Paramount Pictures realisieren wollte. Pakula, selbst eher Künstler denn Produzent, antwortete „Sie irren. Es hat eine der großartigsten Liebesgeschichten überhaupt. Die zwischen einem Vater und seinen Kindern“
„Welche Geschichte wollen sie denn mit dem Film erzählen?“
„Haben sie das Buch gelesen?“
„Ja“
„DAS ist die Geschichte“

Paramount lehnte ab.


Alan J. Pakula (links) mit Harper Lee
Daraufhin bot Alan Pakula den Stoff Universal an. 

Pakula, der später selbst als bedeutender Regisseur („Die Unbestechlichen“ 1976 mit Robert Redford und Dustin Hoffman über den Watergate-Skandal) und Drehbuchautor („Sophie Choice“ 1982 mit Meryl Streep) reüssieren sollte, erwies sich in der Funktion als Produzent als unerhörter Glücksfall für die Verfilmung von „Wer die Nachtigall stört“. Er war es, der Regisseur Robert Mulligan völlig den Rücken freihielt, und mit seinem tiefen künstlerischen Verständnis für das Material eine beispiellos kompromisslose, beispiellos unverfälschte Literaturadaption ermöglichte. Einen Studiofilm mit großem Budget, aber unter den Bedingungen eines Independentfilms.



Der Schlüssel war, den Umstand dass auch Universal von diesem Film – der einer ihrer legendärsten Erfolge werden würde - nicht völlig überzeugt war, auszunutzen und die Produktion fast völlig an Brentwood auszulagern, mit Universal mehr oder weniger nur in der Rolle des Verleihs, so dass Alan J. Pakula von vornherein eine Reihe von maßgeblichen Entscheidungen treffen konnte – auch gegen den Willen von Universal. 


Das Studio wollte den Film in Technicolour drehen (und heute vorliegende Farbfotos zeigen, dass das durchaus einen optischen Reiz gehabt hätte) aber Pakula bestand eisern auf Schwarzweiß, den er wusste bereits vor Beginn der Produktion, dass der spätere Film für den Southern Gothic eine Entsprechung, entlehnt aus dem deutschen Expressionismus, würde finden müssen, mit einer Licht- und Schattendramaturgie die auf Farbfilm niemals funktionieren würde. Das Studio wollte die kindliche Erlebnisperspektive des Romans unterlaufen und auf Atticus fokussieren, Alan Pakula wusste, dass diese Perspektive Essentiell für die Substanz des Films war und verhinderte es. Das Studio wollte einen renommierten, prominenten Regisseur, Alan Pakula wollte den weniger bekannten aber hochbegabten Robert Mulligan; das Studio wollte einen erfahrenen Drehbuchhandwerker aus Los Angeles, Pakula wollte den preisgekrönten Südstaaten-Dramatiker Horton Foote, der nie zuvor für die Leinwand geschrieben hatte. Universal wollte erfahrene Kinderstars für die Rollen von Scout, Jem und Dill – Alan Pakula wollte unerfahrene, natürliche Kinder aus Alabama casten lassen. 

Und: Das Studio wollte, nach einer Absage von James Stewart (er fand den Stoff „zu liberal“ und befürchtete er könne kontrovers aufgenommen werden), um jeden Preis den (heimlich homosexuellen) Frauenschwarm Rock Hudson als Atticus. Der durchaus feinsinnig spielende Hudson hätte vermutlich eine gute Darstellung abgeliefert. Aber Robert Mulligan und Alan J. Pakula hatten ganz andere Pläne und fanden später eine Besetzung für diesen Part die so ikonisch auf die Figur passte, dass es für nachfolgende Generationen unmöglich war, sich irgendeinen anderen Schauspieler in dieser Rolle vorzustellen.

Alan Pakula setzte alle diese Entscheidungen durch – für heutige Maßstäbe fast unvorstellbar.



Die Regie übernahm ROBERT MULLIGAN.

Mulligan hatte Anfang der 50iger Jahre als Laufbursche bei einer TV-Produktionsgesellschaft angefangen und sich mit Hartnäckigkeit und unfassbarem Fleiß, seine Chancen nutzend, zum Fernsehregisseur hochgearbeitet. 69 Fernsehspiele und Serienfolgen hatte er inszeniert, alle in der Ära des Livefernsehens, bevor er sein Spielfilmdebüt gab. Live-Fernsehen war entscheidend – denn es war eine exquisite Schulung für Regisseure und Schauspieler: Lange Proben wie auf der Theaterbühne verlangten hohe Fähigkeiten der Schauspielerführung und die Unmöglichkeit Fehler in der Liveübertragung rückgängig zu machen oder zu kaschieren erzwangen absolute logistische Perfektion. Eine ganze Generation bedeutender Regisseure (Arthur Penn, Sidney Lumet, George Roy Hill, Franklin J. Schaffner, William Friedkin) und Schauspieler (Ernest Borgnine, Jack Klugman, Cliff Robertson, Jack Lemmon ) die das amerikanische Kino der 50iger und 60iger Jahre maßgeblich prägten und neu definierten entstammten der Kaderschmiede des Livefernsehens. Einer von ihnen war Robert Mulligan. Sein Kinodebüt war 1957 das bereits von Alan J. Pakula produzierte schwarzweiße Sportlerdrama „Die Nacht kennt keine Schatten“. Auffällig hierbei war, dass, anders als bei üblichen Kinoerstlingen, keinerlei Neigung zu Effekthascherei oder Bombast zu erkennen war, stattdessen die unerhörte Zurückhaltung eines souveränen Könners.

Robert Mulligan in liebevoller Drosselung durch Scout - Darstellerin Mary Badham

1959 hatte er das US-TV-Debüt von Sir Laurence Olivier inszeniert und dafür den Emmy Award für die Beste Regie erhalten. Es folgten zwei in Farbe gedrehte Kino-Komödien mit Tony Curtis („Zwei in einem Zimmer“ 1960 und „Ein charmanter Hochstapler“ 1961) sowie eine Komödie und ein Abenteuerfilm mit Rock Hudson („Happy End im September“ 1961 und „Am schwarzen Fluss“ 1962). Das Angebot „Wer die Nachtigall stört“ zu inszenieren, eines Romans den er bereits gelesen hatte und sehr bewunderte, sagte er auf der Stelle zu – trotz der massiven Bedenken von Universal. Es sollte die beste Arbeit seiner langen Karriere werden.

Keine geringeren Kollegen als die Meisterregisseure Francois Truffaut und Stanley Kubrick würden sich später als Bewunderer von Mulligans Werk outen. Ersterer schrieb: „Wenn wir französische Regisseure hätten, die so hellsichtig wären wie Robert Mulligan, so befähigt mehr als nur Anekdoten zu erzählen, dann wäre das Bild, das unsere Nation auf der Leinwand abgibt, nicht so übersimplifiziert“

Robert Mulligan und Alan J. Pakula hatten eine sehr genaue Vorstellung, welcher Schauspieler für die Rolle des Rechtsanwalts Atticus Finch in Frage kam: GREGORY PECK. Der damals 46 -jährige Gregory Peck war seit genau 18 Jahren im Filmgeschäft, großgewachsen, gutaussehend und mit einer dunklen Gänsehaut-Stimme (Bariton) gesegnet und äußerst versatil. Eldred Gregory Peck hatte seine Laufbahn als Theaterschauspieler auf den Bühnen des Broadway begonnen. 1944 gab er sein Filmdebüt mit „Days of Glory“. Schon ein Jahr später erhielt er, für „Die Schlüssel zum Himmelreich“ seine erste Oscarnominierung. Er hatte seither 33 Spielfilme aller Genres gedreht und sich dabei durch das komplette Rollenspektrum gespielt. Er war Fedja in Dostojewskis „Der Spieler“ (1949), Captain Horatio Hornblower in „Des Königs Admiral“ und der Biblische König David in „David und Bathseba“ (beide 1951), der Journalist in den sich Audrey Hepburn in der grandiosen Romanze „Ein Herz und eine Krone“ (1953) verliebte – ihrem Filmdebüt! Er war ein famoser Kapitän Ahab in John Hustons Melville-Adaption „Moby Dick“ (1956), F. Scott Fitzgerald in „Die Krone des Lebens (1959) und hatte in Klassikern wie „Ein Köder für die Bestie“ (Erstverfilmung von Kap der Angst, 1962) und dem Kriegsabenteuer „Die Kanonen von Navarone“(1961) gespielt. Er galt als ein idealer leading man der eine breite Palette äußerst überzeugend abdecken konnte, Vor allem aber galt er als überzeugter linker Liberaler, der sich in erster Linie als leidenschaftlicher Familienmensch und Vater, in zweiter als politisch engagierter Bürger und erst in dritter als Filmstar sah.


Er hatte 1947 in „Tabu der Gerechten“ (Gentlemen's Agreement) dem ersten Film über Antisemitismus in den USA die männliche Hauptrolle gespielt, und damit Courage für gesellschaftskritische Stoffe gezeigt, als es nicht en vogue war, das zu tun. In Hitchcocks „Der Fall Paradin“ hatte er im selben Jahr bereits einmal in der Rolle eines Juristen brilliert. Außerhalb des Rampenlichts hatte er sich auch im wahren Leben furchtlos positioniert. 1947, auf dem Höhepunkt der Kommunistenhatz der McCarthy-Ära hatte Peck sich öffentlich, u.a. als Unterzeichner eines offenen Briefes, gegen das „House Committee Against Unamerican Activities“ gestellt und die Verfolgung von Filmschaffenden aufgrund ihrer politischen Überzeugung scharf kritisiert – zu einer Zeit als derlei mit Berufsverbot und Gefängnis geahndet werden konnte (man denke etwa an die „Hollywood Ten“). Peck galt als hochprofessioneller, sehr bescheidener und liebenswerter Kollege am Set, dem man nachsagte, er nutze seine Macht als Star niemals aus und gebe dem Begriff „menschlicher Anstand“ einen guten Klang. Er engagierte sich sein Leben lang entschieden für Soziale Gerechtigkeit, Bürgerrechte und die Demokratische Partei. Er war bis zum Jahr 1961 bereits viermal für den Oscar als Bester Hauptdarsteller nominiert gewesen, ohne jemals zu gewinnen.

Was Mulligan und Pakula aber mehr als alles andere überzeugt haben dürfte, war, dass Peck nicht nur den Anwalt, sondern auch den liebevollen Vater Atticus würde spielen können. Ein Kostprobe fanden sie in einer frühen, großartigen Darstellung Pecks in der wunderbaren Literaturverfilmung „Ruf der Wildnis“(The Yearling), in der er 1946 sehr komplex einen schlichten, hart arbeitenden Farmer im amerikanischen Süden gespielt hatte. Man achte nur darauf mit welcher fein nuancierten Zurückhaltung und Wärme er diese Szene spielt, in der sein von Claude Jarman jr. gespielter Sohn reumütig zurückkehrt, nachdem er weggelaufen war, weil sein Pa das von ihm großgezogene Reh hatte schlachten müssen:



Man kann schon einige der schauspielerischen Tugenden sehen, die Gregory Peck später in seine Rolle als Atticus fließen ließ. Retrospektiv ließe sich heute beinahe behaupten, seine ganze Karriere bis 1962 sei nur dazu dagewesen ihn auf die Rolle des Atticus Finch vorzubereiten. Alan J. Pakula und Robert Mulligan wollten Peck engagieren. Da es noch kein Drehbuch gab, schickte man Gregory Peck einfach den Roman von Harper Lee. Ein sehr ungewöhnlicher Schritt nach damaligen oder auch heutigen Maßstäben. Der Schauspieler hatte Robert Mulligans Debüt „Die Nacht kennt keine Schatten“ gesehen und war so beeindruckt, dass er bereit war, sich auch ohne fertiges Drehbuch eine Meinung zu bilden.
Peck selbst erzählte später, dass ihm eine innere Stimme angezeigt habe, dass dieses Buch etwas sei, das er unbedingt sofort lesen müsse. Er schlug es auf, und las es in einer einzigen Sitzung die ganze Nacht durch. Am nächsten Tag gegen 8 Uhr morgens klappte er es bei der letzten Seite zu, griff nach dem Telefonhörer und rief Robert Mulligan an. „Wenn ihr mich dafür haben wollt, bin ich euer Mann. Wann fange ich an?“
Und wie sie ihn wollten.

In einem Interview mit John Griggs erläuterte Peck Jahrzehnte später seine Entscheidung: „Ich fand, der Roman sei ein starkes Stück Literatur, und offenbar habe ich recht gehabt, denn er gewann dann den Pulitzer-Preis und wird immer noch in den High-School-Literaturklassen gelesen […] Ich fühlte, dass ich mich ohne Stress oder Anstrengung identifizieren konnte ... Und ich fühlte, dass ich diese beiden Kinder kannte...Also habe ich mich sofort in den Stoff verliebt, sowohl als der Vater als auch mit Verständnis für die Kinder."
„Man verbringt sonst Ewigkeiten damit, auf die Antwort der Schauspieler zu warten“ sagte Alan Pakula später „Aber das war einer der Fälle, in denen wir überhaupt nicht warten mussten. Er rief sofort zurück. Nichts mit `vielleicht´“


Gregory Pecks Zusage war absolut keine Selbstverständlichkeit.

Sie bedeutete ein hohes Risiko, das nicht jeder Schauspieler zu dieser Zeit ohne Weiteres bereit gewesen wäre einzugehen. 1962 befand sich die amerikanische Bürgerrechtsbewegung auf ihrem Höhepunkt, in der entscheidenden Phase. Es sollte noch ein Jahr dauern bis Dr. Martin Luther King jr. am 28.August 1963 vor dem Lincoln Memorial in Washington D.C. der Welt von seinem Traum erzählte, noch 2 Jahre bis zum „Civil Rights Act“ und ganze drei Jahre bis zum „Voting Rights Act“ der die Aushebelung des Wahlrechts schwarzer Bürger beendete. Die drei Märsche nach Selma, Alabama hatten noch nicht stattgefunden, die Fernsehbilder berittener Polizeieinheiten die mit Knüppeln und Peitschen in unverhohlener Gewaltlust auf unbewaffnete Demonstranten eindroschen, waren noch nicht gedreht worden. Als Gregory Peck den Vertrag für „Wer die Nachtigall stört“ unterschrieb, einen Film der ihn zum Symbol des Antirassismus im amerikanischen Kino machen würde, marschierten die Männer, Frauen und Kinder des Birmingham Movement im Kampf gegen die Rassentrennung durch die gleichnamige Stadt in Alabama, während der städtische Polizeichef Eugene „Bull“ Connor vor laufenden Kameras Bluthunde auf sie hetzte und ihre Knochen mit Wasserwerfern brechen ließ.

Mit seiner Mitwirkung stellte sich Peck sehr deutlich und sehr öffentlich auf die Seite dieser Bewegung, wissend dass sich diese Stellungnahme nicht zurückdrehen ließ, wissend auch, dass die Mehrheit der US-Bevölkerung – seines Publikums – hochgradig rassistisch war, ebenso wie die Filmindustrie und es keinerlei Sicherheit gab, dass er seine Fans nicht verlieren würde. Die Auswirkungen auf seine Karriere waren nicht absehbar.
Was, wenn das Publikum ihm nicht verzieh?

Aber Gregory Peck stellte sich diese Frage nicht.

Tatsächlich stellte er sich bereits 1963 in diesem bislang unbekannten Interview-Ausschnitt völlig unzweideutig hinter die Aussage des Films:



Erst nach dem Gregory Peck seine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt hatte, war Universal Pictures überhaupt bereit den Film mitzufinanzieren.

Als nächstes setze Alan Pakula die Casterin Boaty Boatwright auf die Aufgabe an, nach Alabama zu fahren, hunderte von Kindern vorsprechen zu lassen, um die Darsteller für Scout, Jem und Dill zu finden. Für den Produzenten war es, ebenso wie für Regisseur Mulligan entscheidend, dass die Kinder unverstellt und natürlich agierten, echten Südstaaten-Akzent sprachen und auch den lokalen Kontext des Films instinktiv verstünden. Boatwright machte sich an die Arbeit.



Inzwischen trat Pakula an HORTON FOOTE heran, der das Drehbuch schreiben sollte. Foote, wie Greg Peck damals 46 Jahre alt, in Texas geboren und wie Harper Lee im Süden aufgewachsen (der sein literarisches Lebensthema wurde) , hatte zu dieser Zeit bereits über 20 aufgeführte Bühnenstücke verfasst, einige, wie das später (1966) von Arthur Penn verfilmte Drama „The Chase“ und „The Trip To Bountiful“ (wurde 1985 mit Geraldine Page verfilmt) waren Broadway- Erfolge gewesen. Ebenso hatte er über 20 Drehbücher für das Live-Fernsehen der 50iger Jahre verfasst, und in diesem Zusammenhang hatte er auch bereits zweimal mit Bob Mulligan gearbeitet.
„Foote ist ein Meister in der für ihn charakteristischen Kunst, im alltäglichen häuslichen Durcheinander über einer Grube von existentieller Finsternis zu balancieren.“ schrieb Ben Brantley in der New York Times über ihn, und im Jahre 2009 würde es im selben Blatt in seinem Nachruf heißen: „Foote war ein bedeutender amerikanischer Dramatiker, dessen erzählerisches Gesamtwerk an das von Tschechow mit dessen Komik und Herzensleid im Alltag erinnert, und an Faulkners Können, seine Heimat als das ganze Amerika darzustellen“
Alan J. Pakula wollte ihn und keinen Anderen.
Aber Horton Foote wollte – zunächst – nicht.


Foote hatte den Roman von Harper Lee gelesen und bewunderte ihn so sehr, dass er Angst hatte sich daran zu wagen und das Werk in der Drehbuchbearbeitung zu zerstören. Dreimal fragte Pakula ihn an, dreimal lehnte Foote ab. Dann lernte er Harper Lee persönlich kennen, sie lud ihn zum Essen ein und bat ihn höchstpersönlich das Drehbuch zu schreiben. Sie gab ihm absolute künstlerische Freiheit und unschätzbare Informationen, wie die, dass die Figur des Dill Harris niemand Anderes sei als Truman Capote als Kind. „Es war `Liebe auf den ersten Blick´ zwischen Harper und mir“ sagte Foote später über die entstehende Freundschaft. Diesmal, beim vierten Mal, nahm er den Auftrag an.

Harper Lee würde später sagen, sein Drehbuch zu „Wer die Nachtigall stört“ sei eine der besten Literaturadaptionen die je geschrieben worden seien. Doch dazu später mehr.


Für die schwierige und herausfordernde Rolle des Angeklagten Tom Robinson eine passende Besetzung zu finden war überaus heikel, denn das Problem legte genau den Finger in die Wunde des Rassismus in der Filmindustrie selbst. Da in jenen Jahren der amerikanische Film offenbar weder willens noch in der Lage war schwarzen Schauspielern entsprechende Rollen anzubieten – mit einer einzigen, glorreichen Ausnahme – waren die Wahlmöglichkeiten sehr eingeschränkt. Tom Robinson war eine Nebenrolle, die aber während der gesamten Gerichtssaal-Sequenz zu sehen sein würde, und die in der langen Szene des Kreuzverhörs einem Schauspieler eine erhebliche Bandbreite abverlangen würde. Für die Handlung war entscheidend, dass die Figur des Robinson mit Würde, Verzweiflung und hoher Intensität gespielt, einen eindeutigen Eindruck hinterließe. Ohne diese Figur und den enormen auf ihr lastenden Druck, ohne deren Dilemma, würde die Kritik am institutionalisierten Rassismus nicht funktionieren. Man brauchte also zwangsläufig einen ausgebildeten Schauspieler mit Filmerfahrung. Das verengte sich im Jahr 1962 auf nur zwei Darsteller, Harry Belafonte, der aber zu dieser Zeit bereits seit einigen Jahren mehr auf seine Gesangskarriere fokussierte, und Sidney Poitier, dem ersten schwarzen Star Amerikas. Doch Poitier hatte sich gerade erst (1958 mit „Flucht in Ketten“) zum ersten schwarzen Hauptdarsteller der Filmgeschichte gegen ungeheure Widerstände emporgearbeitet. Die Rolle des Tom Robinson, inhaltlich reizvoll, hätte für ihn in Bedeutung und Bezahlung einen enormen Rückschritt bedeutet, der seine Laufbahn hätte beschädigen können, wenn es ihm nicht gelänge sich aus der Nische wieder zu befreien.
Sensiblerweise fragte man ihn gar nicht erst an.
Man würde jemanden entdecken müssen.


Spielte in über hundert Filmen: Brock Peters


So kam man auf BROCK PETERS. 
Peters, geboren unter dem Namen George Fisher, hatte bereits als Kind Gesangsunterricht erhalten und , nach entsprechender Ausbildung, unter dem Künstlernamen (er rearrangierte den Namen seines Kindheitsfreundes Peter Brock) `Brock Peters´ eine Laufbahn als Opern- und Musicaldarsteller eingeschlagen. 1949 hatte er in Gershwins „Porgy and Bess“ auf Tour gespielt und dort auch als Zweitbesetzung die Hauptrolle gesungen. In den 50iger und frühen 60iger Jahren spielte er in mehreren Musicals am Broadway.
1954 folgte sein Kinodebüt als Sergeant Brown im Musikfilm „Carmen Jones“ - einer nur unter Schwarzen spielenden Musicaladaption von Bizet's „Carmen“ - und nach diversen TV-Produktionen trat er auch in der Kinoverfilmung von „Porgy and Bess“ durch Otto Preminger, in der großen Rolle des Antagonisten Crown an der Seite von Sidney Poitier und Dorothy Dandridge auf. Eine kleine Rolle in „The L-Shaped Room“ war die erste nichtmusikalische Darbietung auf der Leinwand im Jahr 1962.
So fiel er denn auch Alan Pakula auf.
Universal lehnte ihn zunächst ab, da Peters auf die Darstellung von Schurken abonniert schien und sie ihn sich einer verletzlichen Rolle nicht vorstellen konnten. Alan J. Pakula und Robert Mulligan insistierten auf dem Schauspieler.

Er war 35 Jahre alt, als er die Rolle des Tom Robinson erhielt, eine Rolle die der Höhepunkt seiner Karriere werden würde, auch wenn er, ohne je den Durchbruch zum Star zu schaffen, bis zu seinem Tod im Jahre 2005 in 129 Film- und TV-Produktionen mitgewirkt und sich als Darsteller des Admiral Cartwright in den ersten „Star Trek“ Kinofilmen und später als Joseph Sisto, Vater von Captain Benjamin Sisko, in „Star Trek: Deep Space Nine“ eine beachtliche Reputation erspielt haben würde.



Seltenes Trio:  Horton Foote, Harper Lee und Robert Duvall
ROBERT DUVALL würde, ebenfalls in einer Nebenrolle, noch dazu ohne ein einziges Wort zu sprechen, sein Filmdebüt geben. Duvall, geboren in Kalifornien und aufgewachsen in Maryland, stammte aus einer christlich-fundamentalistischen Familie die der einflussreichen Sekte der „Christian Scientists“ angehört, die Naturwissenschaft und speziell Medizin ablehnt und auf Gesundbeter vertraut. In manchen Bundesstaaten ist es „Christian Scientists“ sogar gesetzlich erlaubt, die eigenen Kinder durch Unterlassung medizinischer Behandlung im Notfall straffrei sterben zu lassen. Robert Duvall gibt „Christian Scientist“ noch heute als seine Religionszugehörigkeit an, auch wenn er sie nicht mehr aktiv praktiziert.
Duvall, der aufgrund seiner Leistungen als ungemein wandelbarer Charakterdarsteller auch gelegentlich als der „amerikanische Laurence Olivier“ bezeichnet wird, nahm bereits vor seinem Armeedienst (von August 1953 bis August 1954) Schauspielunterricht und begann im Winter 1955 in New York an der „Neighborhood Playhouse School of the Theatre“ in New York unter dem berühmten Sanford Meisner Schauspiel zu studieren. 


In seiner Klasse freundete er sich mit Gene Hackman, James Caan und Dustin Hoffman an, mit dem er während des Studiums auch zusammenwohnte. Nebenher jobbte er u.a. als Postbote und Lastwagenfahrer. Bereits 1952, noch vor seiner Ausbildung, hatte er sein professionelles Bühnendebüt gegeben. Ab 1957 spielte er parallel am Gateway Playhouse und dem Augusta Civic Theatre (und zwei weiteren Bühnen) in Produktionen die von Agatha Christie bis Jean Anouilh und schließlich der Hauptrolle des Stanley Kowalski in Tennessee Williams „Endstation Sehnsucht“ reichten. Ab 1960 wagte er dann den Sprung ins Fernsehen, wo er in 13 Produktionen zu sehen war, bis das Kino endlich auf ihn aufmerksam wurde. 

Zu seiner Besetzung als Boo Radley in „Wer die Nachtigall stört“ kam es,weil Horton Foote sich an den jungen feinsinnigen Schauspieler erinnerte, der 1957 in einer Produktion seines Stücks „The Midnight Caller“ am Neighborhood College mitgewirkt und einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte.Robert Duvall ging äußerst methodisch an die Figur des zurückgezogen lebenden Boo heran, vermied volle sechs Wochen jeden Kontakt mit Sonnenlicht und färbte sich die Haare strohblond, so dass er beinahe wie ein Albino wirkte.
An seinem ersten Drehtag war er bereits vollständig „in character“.

Es würde nicht die letzte Zusammenarbeit zwischen Autor und Darsteller bleiben: Zweiundzwanzig Jahre später würde Duvall für die Rolle eines alternden Countrysängers in „Tender Mercies“, geschrieben und co-produziert von keinem Geringeren als Horton Foote mit dem Oscar als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet werden.


Die Kinderdarsteller lernen sich kennen (von links nach rechts): Phillip Alford, Mary Badham (noch in Alltagskleidung)
und John Megna, noch ohne die Frisur der Figur.


Als letztes wurden die Kinderdarsteller entdeckt. 


Brav war gestern !
Die damals Neunjährige MARY BADHAM aus Birmingham, Albama, seit 1966 als Schauspielerin (mit Ausnahme eines Kurzfilms) nicht mehr aktiv, berichtet uns hier (ein Interview-Auszug aus dem Buch „Scout, Atticus & Boo“ von Mary McDonagh Murphy) höchstpersönlich davon, wie sie in ihrer ersten Rolle als Jean Louise „Scout“ Finch besetzt wurde: 

„Überall im Süden hatte es einen öffentlichen Aufruf gegeben, dass ein Vorsprechen für „Wer die Nachtigall stört“ stattfinden würde. Meine Mutter [eine ehemalige Schauspielerin und Radiosprecherin] musste meinen Vater fragen, der nein sagte. Sie sagte: "Nun, Henry, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind die Rolle überhaupt bekommt?"
Als wir zum Vorsprechen gingen, gaben sie uns das Drehbuch, und ich las es und liebte es. Meine Mutter sagte, dass ich am nächsten Morgen bereits mit meinem Text - Scouts Text - losplapperte. Sie wusste, dass ich etwas an mir hatte.
Ich fuhr nach New York für einen Screen-Test und dann nach Kalifornien, zu den Dreharbeiten“

In der Familie führte Marys Erfolg zu einigem Ärger, denn ihr großer Bruder, John Badham, wollte auch zum Film und befand sich bereits auf der Filmhochschule um Regie zu studieren. Dass seine kleine Schwester, ohne es recht zu wollen, noch vor ihm berühmt werden sollte, war in seinen Plänen nicht vorgesehen. Es ärgert ihn lange Zeit. Aber nicht für immer, denn auch ihm gelang der Durchbruch im Filmfach, als wichtiger Regisseur der 1977 John Travolta mit „Saturday Night Fever“ ebenso zu Weltruhm verhalf wie 1979 Frank Langella als „Dracula“ und 1983 Matthew Broderick in „WarGames – Kriegsspiele“ und noch heute für namhafte TV-Serien ein gefragter Mann ist.


Clint Eastwood-Blick: Philip Alford
Etwas anders verlief das Prozedere für PHILLIP ALFORD der in die Rolle von Mary Badhams Film-Bruder „Jem Finch“ schlüpfen würde. Auch er stammte aus Birmingham, war aber mit damals 12 Jahren in einer deutlich anderen Altersstufe und Mary Badham niemals zuvor begegnet. Er hatte in drei Produktionen des `Birmingham Town and Gown Civic Theatre´ in Kinderrollen mitgewirkt und war dabei dem Amateurregisseur aufgefallen, der vom Casting - Aufruf wusste. 
Alfords Mutter war von der Idee ihn vorsprechen zu lassen schnell überzeugt, nur er selbst wollte leider so überhaupt nicht – was sich aber mit unerklärlicher Schlagartigkeit änderte, als er herausfand, dass er durch das Vorsprechen (leider, leider) mindestens einen halben Tag Schule verpassen würde müssen. In diesem Augenblick muss sich der Künstler in ihm durchgerungen haben (zwinker). Nach der ersten Vorsprechrunde war er einer von drei verbleibenden Finalisten, die zu einem Screen-Test (wie zuvor schon die Mädchen) nach New York geladen wurden. Dort erhielt er dann den Zuschlag.

Für die Dreharbeiten flog er mit seiner ganzen Familie nach Kalifornien. Seine jüngere Schwester Eugenia, die genau Mary Badhams Größe und Alter hatte, wurde später deren Lichtdouble.



JOHN MEGNA, zehn Jahre alt, der einzige von den Dreien der auch später noch eine erfolgreiche Schauspielerlaufbahn haben würde, auch wenn er aufgrund tragischer Umstände viel zu früh starb, war auch der einzige Profi unter den Kinderdarstellern. Der gebürtige New Yorker hatte bereits in drei TV-Episoden und drei Broadway-Theaterproduktionen gespielt, übrigens einmal in „All The Way Home“ 1961 in einem Stück in dem zufällig Robert Mulligans Bruder, Richard Mulligan (später bekannt durch die mäßige 80er Sitcom „Harrys Nest“) als Zweitbesetzung mitwirkte.


Promo - Aufnahme: John Megna und Mary Badham im nachgebauten
Gerichtssaal
Dadurch sah Robert Mulligan eine der Aufführungen und, in ihr, John Megna. Der sehr begabte Megna, bürgerlich John Ingoglia, war der Halb-Bruder der Sängerin und Schauspielerin Connie Stevens (bürgerlich: Concetta Ingoglia) die unter Anderem mit Jerry Lewis vor der Kamera stand und eine Zeit lang mit Elvis Presley liiert war. Sein Vater war Apotheker und seine Mutter eine frühere Nachtclub- Sängerin. Seine Schauspielkarriere begann im Alter von 6 Jahren. Er war später noch in zahlreichen TV-Produktionen zu sehen sein, unter anderem in „Star Trek-The Original Series“ (In der Episode „Miri – ein Kleinling“) und auch in einigen wesentlichen Kinofilmen in kleineren Rollen, darunter der Bette Davis Klassiker „Wiegenlied für eine Leiche“ (1965) und „Der Pate, Teil II“ (1976) – sein Auftritt als der junge Hyman Roth in Letztgenanntem wurde für die Kinofassung allerdings komplett geschnitten.
Als Erwachsener, nach einem Abschluss in Darstellender Kunst an der Cornell University, verlegte er sich hauptsächlich auf Theaterregie und gründete in Los Angeles eine eigene Theatergruppe.

Mit Truman Capote, den er letztlich in „Wer die Nachtigall stört“ als Kind spielte, verband ihn ein Geheimnis, von dem der Junge seinerzeit selbst noch nichts wusste: Auch John Megna war homosexuell. Leider gehörte er zu jenen die sich in der zweiten Phase der Ausbreitung der Seuche mit HIV infizierten, weil die US Gesundheitsbehörden es in einem Akt beispielloser Menschenverachtung nicht für notwendig erachteten die besonders gefährdeten Gruppen vor dem grassierenden Virus in der entsprechenden Weise zu warnen. John Megna starb, um Jahrzehnte zu früh, am 5. September 1995 im Midway Hospital, Los Angeles, an Komplikationen als Folge von AIDS.
Er wurde nur 42 Jahre alt.


Das Trio Infernale kommt!


Weiter besetzte man den Western-Veteranen James Anderson als Bob Ewell, Collin Wilcox als dessen Tochter Mayella Ewell und William Windom, später bekannt als Arzt von Cabot Cove in „Mord ist ihr Hobby“ als Staatsanwalt Gilmer.


Tiefenentspannter Bildermagier: Russell Harlan
Die Kamera würde mit RUSSELL HARLAN ein überaus erfahrener Veteran übernehmen.
Nachdem er in den 30er und 40er Jahren zahllose B-Western und mindestens einen „Tarzan“-Film mit Lex Barker und einen mit Johnny Weismüller gedreht hatte, die er durch seine Fähigkeiten zu kleinen visuellen Juwelen erhöhte, nahm er in den 50iger Jahren auch für zahlreiche Prestige-Produktionen die zu Klassikern werden sollten, hinter dem Okular der Kamera Platz. Er fotografierte den SF-Horror-Klassiker „Das Ding aus einer anderen Welt“ von 1951, der später John Carpenter und „Alien“ inspirierte, 1955 das Sozialdrama „Saat der Gewalt“ mit Glenn Ford und Sidney Poitier, übersetzte für Vincente Minelli Vincent Van Goghs Bildsprache mittels eines ausgeklügelten Farbkonzepts in prächtige Technicolor-Bilder für „Ein Leben in Leidenschaft“ mit Kirk Douglas 1956, filmte Billy Wilders „Zeugin der Anklage“ mit Charles Laughton und der Dietrich 1957 ebenso wie Elvis Presley in „King Creole“ 1958, und setzte 1959 für „Rio Bravo“ und 1962 für „Hatari“ John Wayne ins Bild. Im selben Jahr arbeitete er für „Am schwarzen Fluss“ auch erstmals mit Bob Mulligan zusammen. Harlan, der auch der Lieblings-Kameramann von Howard Hawks war, mit dem er 7-mal kollaborierte, war, besonders durch die Western, bekannt für die Neigung zu majestätischen Hintergründen mit schneebedeckten Bergen, sich schlängelnden Strömen und Flüssen, ausgebuchteten Klippen und weit ausgedehntem Himmel. Außerdem war er ein absoluter Spezialist für Schwarzweißkamera und verfügte über außerordentliche Kenntnisse in unterschiedlichen Stilistiken der Filmkunst. Zu diesem Punkt seiner Karriere war Harlan bereits in der Lage sich seine Projekte mehr oder weniger auszusuchen. Für dieses entschied er sich ohne zu zögern.


Stellte sich also, bevor die erste Klappe fallen konnte, noch die alles Entscheidende Frage:
Wo konnte man den Film drehen?



Die Fortsetzung mit Teil 2 "Scenes From Maycomb" finden sie sehen sie hier:  https://uncahierducinema.blogspot.de/2018/02/das-gewissen-eines-einzelnen-wer-die_10.html


Teil 3 des dreiteiligen Essays "Nachspiel" finden Sie hier:
https://uncahierducinema.blogspot.de/2018/02/das-gewissen-eines-einzelnen-wer-die_11.html